71 Der Direktor Weber stammte aus Weimar. Er war Altphilologe, be ­ geisterter Freund der griechischen und römischen Rlassiker, wegen seines etwas rauhen, unschönen Äußern und einiger Pedanterie bei den Schülern nicht gerade beliebt, aber ihnen mit großer Liebe zugetan. Das kam in geradezu rührender weise zum Durchbruch an seinen beiden Geburtstagen der Jadre 1646 und 1649, an denen ich namens der prima als deren Erster ihm die Ansprache hielt. Der Freiheitsdrang des Jahres 1646 hatte auch seinen Sturm im wafferglase des Gymnasiums erzeugt. Ich sei, so erzählten mir später die Tanten Schmidt, in der Stube auf- und abgewandelt und hätte erregt über den Mangel von Freiheiten geklagt, unter dem wir litten. Auf die Frage: „Idr armen Jungen, inwiefern seid ihr denn so gedrückt;" hätte ich dann eine rechte Antwort nicht gewußt. Auf Beschluß der Rlaffe mußte ich aber dem Direktor vorstellen, „wir wünschten: Erstens erweiterte Er ­ laubnis, öffentliche Lokale zu besuchen; zweitens in prima mit „Sie" ange ­ redet zu werden, und — damit die Sache doch auch einen wiffenschaftlichen Hintergrund bekam — drittens den Geschichtsunterricht nicht mit dem Jahre 1789 abgebrochen zu sehen". Auf Befürwortung des Direktors wurde alles vom Ministerium genehmigt, und ich muß sagen, daß allerdings der dritte Punkt, die Ausdehnung des Geschichtsunterrichts auf die Zeit der fran ­ zösischen Revolution nebst ihren Folgen, mir für mein ganzes Leben von erheb ­ lichem werte gewesen ist. Meine Geburtstagsrede zum 6. Mai J848 sprach den: Direktor den Dank der Schüler für die Gewährung unserer wünsche aus. Es zeigte sich aber das folgende Jahr hindurch, daß er künstlich die Sie- Anrede an die Primaner konsequent vermied. Am nächsten Geburtstag kam die Erklärung. Mit tränenden Augen erwiderte er auf meine damalige Ansprache: „Ihr lieben Schüler, wenn Ihr mir deute eine rechte Freude machen wollt, dann erlaubt mir, daß ich Euch wieder du nenne, ich k a n n' s nicht anders!" Und den Wunsch erfüllte man ohne Murren; so gewann der Direktor für seine Person das Privileg der Du-Anrede und bedielt es. Aus den Schuljahren, die ich den unteren Gymnasialklaffen angedörte, habe ich keine besonderen Erinnerungen; auch waren mir die Ledrer ziemlich gleichgültig. Eine Mitteilung über mich aus dem Munde eines damaligen Mitschülers ging mir kürzlich aus Wiesbaden zu, wo dieser in Amerika reichgewordene Mitschüler noch lebt. Sie dat einen stark komischen Bei ­ geschmack, indem sie das sonderbare Verdältnis des Direktors zu einem gegen seinen willen in das Kollegium ihm gesetzten älteren Marburger profeffor namens Börsch beleuchtet. In deffen Geographiestunde erschien einst Weber der Kontrolle wegen. Auf Börschs Frage: „wo liegt das Rap Garda-Fui;" blieben die Gefragten die Antwort schuldig. Da erfolgte die Frage: „Herr Direktor, wiffen Sie es;" Auch hier reine Antwort. Der Mitschüler — Ludovici heißt er — erzählte dann weiter: „So blamierte Börsch den