77 IV. Zeit der Ruhe. / Wachsender Wohlstand, 1413—1509. Hermanns einziger überlebender Sohn Ludwig war bei des Vaters Tode erst elf Jahre alt. Die Vormundschaft übernahm sein Schwager, Herzog Heinrich von Braunschweig, die Kegierungsgeschäfte aber führte ein Regent ­ schaftsrat, aus Mitgliedern der Ritterschaft und gelehrten Geistlichen zu ­ sammengesetzt, in welchem Eckhard von Röhrenfurt, Marschall und später auch Oberamtmann von Hessen, lange Zeit die leitende Persönlichkeit war. 1 ) für Hessen und für Cassel war es ein Glück, daß die Landesregierung in die Hände von Männern gelegt wurde, welche sich bereits unter Eandgraf Hermann bewährt hatten und jetzt die Befugnis erhielten, die Härten zu mildern, die der alte Herr begangen hatte. Daß man damit nur auf fein Ab ­ leben gewartet hatte, beweist am augenfälligsten der Erlaß eines neuen er ­ weiterten Stadtrechts, das am 29. Juni 1413 publiziert wurde, und mehr noch als dieses Stadtrecht an sich die Tatsache, daß es bereits zwei Wochen nach Hermanns Tode fertig war. wir heben daraus (und aus den wenig später ge ­ gebenen Zusätzen) nur einige Punkte hervor, die dartun, daß es Ernst war mit dem Versprechen, die der Bürgerschaft abgedrungenen Zusagen tot und un ­ verbindlich sein zu lassen. Tlachdem Eandgraf Hermann alles Gewohnheits ­ recht in hiesiger Stadt abgeschafft hatte, wird dieses wieder als gültig aner ­ kannt, sofern es vom Rat der Stadt als solches unter Eid behauptet wird. Auch darf die Stadtbehörde wieder Ordnungen und Statuten erlassen und ihre Rachachtung gebieten. Rats- und Schöffenkolleg ergänzen sich selbst, und nur zum Bürgermeisteramt find zwei oder drei Personen in Vorschlag zu bringen, daraus der Eandgraf einen bestätigt. wenn, um alle Parteilichkeit und Gunst auszuschließen, kein hiesiger Bürger zum Schultheißenamt oder ähnlicher Stellung zugelassen werden soll, so hatte man gewiß Grund dazu. Was sonst in wirtschaftlicher Hinsicht das neue Recht brachte, war wohl die festsetzung und Klarlegung von Gebräuchen, die bisher strittig gewesen waren. Der Porst, der damals noch mit Eichen und Buchen bestanden war, 1) Siehe Küch: Line Quelle zur Geschichte des Landgrafen Ludwig I. (Z. H. G., Bd. 43, S. 144—277), welcher vortrefflichen Untersuchung die nachfolgende Darstellung vieles verdankt.