94 IIL TLAVATLL N ur zu rasch war die der Seligkeit des Brautstandes geweihte Zeit den Liebenden entschwunden, mit Schmerz gedachten sie der abermaligen Trennung, obgleich diese nicht von langer Dauer sein sollte und im Hintergründe bereits das lieblich lockende Bild „Schleier und Brautkranz" auftauchte. Eisenbarth hatte übrigens die vierzehn Tage gut ausgenutzt, nicht nur mit Küssen und Liebesgetändel, sondern auch damit, sich die Gunst seines Schwiegervaters in hohem Grade zu erwerben, durch Erzählen interessanter Reiseerlebnisse und Abenteuer aus Brasilien, Bolivien und Paraguay. Endlich kam der Tag der Trennung! Siedend heiß überlief es den armen Bräutigam, denn erst jetzt kam es ihm wieder recht zum Bewußtsein, aus süßer Liebesidylle heraus und in ein ungeheuerliches Unternehmen hinein zu müssen. Lätte er Anna das, was ihm bevorstand, erzählen können — erklären mit dem Wie und Warum wohl kaum — sie hätte ihn jedenfalls angstvoll zurückzuhalten versucht. Was kümmerte die Leute hier in der Mark, in Deutschland überhaupt, ein indischer Götze? — Im nächsten Augenblick schalt er sich dann den undankbarsten Menschen seines Jahr ­ hunderts; war es denn nicht seine heilige Pflicht, alles für den Doktor zu tun, der so aufopfernd für ihn gesorgt hatte? Jetzt erst war ihm Justus ganze Größe klar, dieser nahm einen universellen Standpunkt ein, er fühlte sich solidarisch allen Geistern unserer Erde, er hielt sich für verpflichtet, Dienste zu leisten, wo sich die Gelegenheit dazu bot, bald einem Mahatma Sankha, bald einem Chrisostomus Eisenbarth. So rang sich der kleine Lerr zu einer objektiveren Anschauung durch, in der nicht immer das eigene Ich im Vordergrund stand; ein trotziger Mut beseelte ihn, er kam sich wie ein mittelalterlicher Ritter vor, der, um die Braut zu gewinnen, erst unerhörte Abenteuer bestehen mußte, und in diesem männlichen Ge ­ danken nahm er Abschied von seiner Anna. In Hamburg angekommen, fuhr Eisenbarth nach der Rabenstraße, in der Hoffnung, dort seinen lieben Freund — so wagte er es, ihn in Ge ­ danken schon zu nennen — am ehesten anzutreffen. Die alte Haushälterin benachrichtigte ihn jedoch, daß Herr Dr. Erich Bescheid zurückgelassen hätte, der Herr Eisenbarth möchte bitte an Bord der Hammonia, die ausgedockt wäre und wieder an ihrem alten Platz im Lasen läge, gehen. Er machte sich zu Fuß auf den Weg. Da traf er auf dem Rathausplatz den Schiffs ­ jungen der Jacht gemütlich dahinbummeln. „Na, Fritz", fragte er ihn, „was treibst du dich denn hier herum, hast du nichts an Bord zu tun?" „Och Herr", antwortete der, „ick häv afmunstert, ick goh wohrschienlich mit de Bark Arethusa no New Vork."