6 mittel, das Zelt und sonstiger Reisebedarf, wie Decken, Waffen und Muni ­ tion, waren auf alle Dickhäuter gleichmäßig verteilt. Justus lag behaglich rauchend auf dem Rückenpolster seines Elefanten, erst lauschte er den unaufhörlichen Reden der Mahauts, die diese ihren Tieren zu halten pflegen, um deren Gangart zu beschleunigen, dann ver ­ sank er in tiefes Sinnen. Vor mehr als zwei Jahren hatte er zum ersten Mal, es war in Benares, von Sankha gehört, die Buddhisten nannten ihn einen Mahatma, d. i. einen Wissenden, einen Meister; von ihm hoffte er der Dinge letzten Grund zu erfahren. Wie brennend suchte er nach Wahrheit, nach Aufklärung! Eindringen wollte er in das Reich der My ­ stik, die für ihn nichts Abschreckendes barg, da sie wie alles und jedes im Universum natürlichen Gesetzen unterworfen sein mußte, die es zu ergrün ­ den galt. Das Wort „Äbernatürlich" existierte für Justus nicht! — Ob es ihm nicht wie Faust ergehen würde, der ja auch mit den Ansichtbaren anbandelte, nur um auf Abwege, in Liebesabenteuer und böse Äändel zu geraten? — doch wohl nicht! Er fühlte sich viel zu geistesklar und kraft ­ voll dazu. Äbrigens hatte sich ja auch Faust wieder emporgerungen. Frei ­ lich, alle diese uralten Sanskritschriften, wie die „Mahabharata" und be ­ sonders das herrliche Epos „Bhagavadgita", alle deuteten sie darauf hin, daß, wollte man die Mahatmaschaft erreichen, wollte man den Argrund des Seins erkennen, man allem Irdischen entsagen müßte; ähnliches lehrte ja auch das Christentum. — Zu einem Einsiedler, zu einem Äöhlenheiligen eignete er sich aber nicht! Nun, Bhagavadgita und Bibel waren alte Schriften, von Leuten verfaßt, die von dem Stand der Naturwissenschaften, der Technik, des freien Denkens des zwanzigsten Jahrhunderts nicht die leiseste Ahnung hatten. Äberdies, gehörte er denn nicht einer anderen höheren Nasse an als jene? Warum sollte nicht frische, tatkräftige euro ­ päische Kultur mit stillem orientalischen Sinnieren und Grübeln einen Pakt schließen können, der gewaltige, nie geahnte Perspektiven eröffnete? Äell jubelte es in ihm auf, er fühlte es, er war berufen, der Menschheit neue Wege zu weisen. Dr. Justus Erich, der hochgelehrte Mann, hatte sich ein naiv-harm ­ loses Gemüt zu bewahren gewußt. Trotz seines reichen Wissens und Er- kennens — oder vielleicht gerade deswegen — stand er der Welt wie ein Kind gegenüber, das gewohnt ist, unaufhörlich Neues, Allbekanntes ent ­ gegen — und in sich aufzunehmen. Das Schopenhauer'sche Wort, „so vor ­ sichtig im Glauben wie im Anglauben zu sein", war ihm eine selbstver ­ ständliche Maxime. Eine törichte, lächerliche Äberhebung blieb ihm stets die alles zersetzende Skepsis, die a priori jegliches Neue verdächtigt. Justus gehörte zu den Sonnenkindern der Erde, die sich gar nicht allzusehr wun ­ dern, wenn ihnen im tiefen stillen Buchenwald plötzlich ein Böcklin'sches Einhorn entgegentritt, oder die gleich „Tom dem Reimer" fröhlich und freundlich eine Anterhaltung beginnen mit der blonden Fee, die auf einem weißen Roß reitet und die Glöcklein ihres Zügels hell erklingen läßt. — Nun wäre Justus' Charakter hiermit aber durchaus nicht erschöpfend er ­ klärt, denn wenn er auch mit einem warmen Empfinden und Verstehen jedem Dinge entgegentrat, ihm das Recht zu bestehen nicht verwehrte, so stand er doch andererseits völlig auf dem Boden einer klaren Realität,