38 Der Internationale Herold. Kirche auf den Staat erleben. Karl der Große kniete zwar vor dem Altäre, nahm aber die Krone aus der Hand des Papstes und setzte sie sich selbst auf, und er war und blieb stark ge ­ nug, die Vorherrschaft des Staates über die Kirche zu wahren. Das blieb in der Folge nicht immer so, auch wenn die Ge ­ schichte nur einen Gang nach Kanossa zu verzeichnen hat, Bismarck erklärte zwar, er werde nicht nach Kanossa gehen, mußte aber eine Niederlage in seinem bekannten Kulturkämpfe zu verschmerzen suchen so gut er es konnte. Der Kampf zwischen Kirche und Staat ist keineswegs end ­ gültig zum Austrage gekommen, noch darf er als beigelegt be ­ trachtet werden. Der enorme Aufschwung auf wirtschaftlichem Gebiete, die ganze Entwicklung des europäischen Wirtschafts ­ systems und seine Ausdehnung auf die übrige Welt, die Assi- milierung dieser durch die Entdeckung der neuen Erdteile plötz ­ lich so groß und neuartig gewordenen Welt, alles das hat die Aufmerksamkeit der Menschheit stark abgeleitet von ihren reli ­ giösen Idealen und hat durch die Triumphe der Wissenschaft in der Welt der Erscheinungen das geistige Leben sehr verallgemeinert aber auch verflacht und an Aeußerlichkeiten gebunden. Die uralten Probleme, in denen die Religion wurzelt, sind nicht gelöst, sie sind nur zur Seite geschoben worden, bis die Menschheit in äußerlich ruhigeren Zeiten, wenn die Sinne den Geist nicht mehr durch eine unerhörte Fülle neuer Wahrnehmungen völlig und unausgesetzt in Anspruch nehmen werden, in Muße zu ihnen zurückkehren kann. Das alles begünstigt die Fortdauer des großen Waffen ­ stillstandes zwischen Kirche und Staat, der zurzeit besteht und sich für beide Teile überaus vorteilhaft erwiesen hat. Im Schutze des Staates hat die Kirche sich ungeheuer ausdehnen und in Ruhe entwickeln können, hat sie die Einbuße der Hierarchie an geistlicher Autorität durch den Schutz und die Hilfe der Gesetze und durch die gesellschaftlich-politische Stellung der Geistlichkeit wettmachen können; wenn sie dabei verflacht, in