Leider hatte die Zeitentwickelung zu rein materiellem Denken den Menschen in seinem Bildungsideal ohne tiefe Naturkennt? nis als gegeben erachtet. Alles, was aus ihr, der Naturkenntnis,, insbesondere dem Gebiet der Botanik kam, wurde nach reinen Nützlichkeitswerten, nach einem Apothekerwissen und nach Küchen ­ bedürfnissen angesehen. Man kann sagen, es lag wie ein Makel unedler Abkunft auf ihr. Daß dies so war, dafür ein ge ­ schichtliches Beispiel. Als Goethe 1787 in Italien, im kleinen Städtchen Padua, den dortigen botanischen Garten besichtigte und zu botanischen Studien gelangte, die ihren Niederschlag in seinem einzigen naturwissenschaftlich pilosophischen Werk „die Metamorphose (Umgestaltung) der Pflanze", fand, da stand dieses Werk neben seinem damals vollendeten „Faust". Letzteres Werk eroberte die Welt, während sein naturwissenschaftlich pilosophisches Werk von der damals sich gebildet bezeichnendem Menschenschicht abgelehnt wurde. Heute erkennen wir, daß damals ein Neues in der Geistesgeschichte der Menschen be ­ gann. denn wie sonst selten am Erdenrund einten sich darin Nü- tur- und Menschengröße. Goethe schrieb damals an Frau von Stein folgende bedeutsamen Worte: „Es ist erfreuend und be ­ lehrend, hier unter einer Vegetation umherzugehen, die uns fremd ist. Bei gewohnten Pflanzen sowie bei anderen längst be ­ kannten Gegenständen denken wir zuletzt gar nichts, und was ist Beschauen ohne Denken? Hier in dieser, neu mir cntgegew- tretenden Mannigfaltigkeit wird jener Gedanke immer leben ­ diger, daß man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer ent ­ wickeln könne. Hierdurch würde es allein möglich fein, Geschlech ­ ter und Arten wahrhaft zu bestimmen, welches, wie mich dünkt, bisher sehr willkürlich geschieht. Auf diesem Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie steckengeblieben, und ich sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will. Die Tiefe und Breitlei dieses Geschäfts scheint mir völlig gleich." — Das schrieb ein Wolfgang von Goethe. — Als Erinnerung steht heute noch zu Padua im botanischen Garten die Goethepalme. Immer, wenn die Botanik mal den Anlauf nahm, heraus aus kleinlichem Fachwissen zu springen, ihren eigentlichen Wert zu erlangen, ihr Wort zu sagen im Rat der Geister über der Welten Sinn und der Menschen Bestimmung, da ging es ihr immer so wie seinerzeit unserem Goethe. Das gesellschaftliche Bildungsideal damaliger Zeit benötigte Botanik und Natur- kenntnis nicht. Darin sah man nur eine Absonderlichkeit.! Was wir als zeitliche Menschen aus dem tiefen Forschen und Erkennen in der Natur- und speziell in der Pflanzen-,' Kunde gewinnen, sind unersetzliche Werte für Lebens- und Kulturbedürfnis und daneben hinaus für unsere Seelenhaltung. Wie schön und erbauend schon einfache, kleine Pflanzenstu- studien sein können, ergibt sich schon aus dem Nachdenken darüber, daß wir bei der Pflanze, allgemein gedacht, vor Wahr ­ nehmungen stehen, die uns beeindrucken müssen. Sie kann Dinge hervorbringen und Lagen meistern, die den sogenannten höheren Lebewesen nicht möglich sind. Die Pflanze lebt überall in ihren Etnzelartenwesen, auf und unter der Erde, auf und unter dem Wasser, in und auf dem Eise und in der Luft. Sie erzeugt; alle Formen, Farben, Düfte und Gifte. Denken wir einmal an unsere schönste Pflanzengruppe, die Blumen, und betrachten sie nicht nur als gegeben, sondern sammeln wir Erkenntnisse an ihnen. Wir werden dabei staunen und viel gewinnen. Meine Gedanken, die ich Euch vermittelte, mögen dazu an ­ getan sein, Euch, die heute draußen am Feinde stehen, oder sonst ­ wo fern der Heimat ihren Posten zur Erringung des Sieges aus ­ füllen, für Stunden der Ruhe oder Rast einen Unterhaltungsstofs nahe zu bringen, der immer zur Hand ist. Pflanzen in der Mannigfaltigkeit der Arten gibt es überall, und wenn der eine oder andere von Ihnen Gewinn aus meinem in großen Zügen Vermitteltem hat, so ist sein Zweck erreicht. Anschließend will ich für alle die, die aus unserem kleinen Dörfchen draußen am Feind stehen, noch einen kurzen Jahres ­ bericht über die wichtigsten Ereignisse von hier geben. An Zu ­ wachs erhielten wir vier stramme Buben, Johannes Dippel als 4. Kind den dritten Buben und eine zugezogene Familie Thiel einen Buben und eine zugezogene Famillie Heinz Zwillingsbuben. Todesfälle hatte die Zelle zwei, Wilh. Eifert als Unfall und Konrad Römer, der schon länger krank war. Auf dem Felde der Ehre blieben bisher Wilhelm Stücken d, Ernst L u tz k e und Walter B r e h m, verwundet wurde Willi Schoenewald, Tapferkeitsauszeichnungen erhielten Willi Schoene- wald und Fritz Hucke das EK. 1 und 2 und das Inst-Sturm- abzeichen, Heinr. Wagner das EK. 2, Hans Steinbach und Ju ­ stus Kurzrock das Kriegsverdienstkreuz 2. Kl. mit Schwertern. 2m März 1943 rückte unser Zellenleiter Georg Groh erneut ein und steht heute an der Ostfront. Was unsere kleine Zelle mit ihren 42 Haushaltungen an Opfersinn geldlicher Art im vergangenen Jahre aufbrachte, spie ­ gelt sich in folgenden Zahlen: Es wurden freiwillig für das Rote Kreuz 844,20 RM., für NSB. und WHW. 2227.72 RM.. zusammen 3071,92 RM. gespendet und gesammelt. Hieraus kann unzweideutig die Hal ­ tung der Heimat in diesem Schicksalsknmpf gewertet werden, denn wie hier, ist es überall im deutschen Vaterland. Unser Dörfchen steht vorwiegend in den Reihen des Nähv- standes und erfüllt hierbei jährlich voll seine Pflicht, und kommen die Wintermonate, so erklingen in seiner Umgebung verstärkt die alten und modernen Arbeitsgeräte beim Holzeinschlag und hallt das Jagdhorn in den Bergen wider, dann find die Jäger beim waidwerken. So steht die kleine Dorfgemeinschaft festgeschlossen im 5. Kriegsjahr des harten Ringens um des Reiches Zukunft und Bestand, jeder auf seinem Posten, jeder bereit, das Letzte ein? zusetzen, um sich würdig zu erweisen der Taten unserer Soldaten draußen am Feind. In diesem Bewußtsein des festgefügten Zusammenstehens unseres ganzen Volkes, grüße ich als Auf- tragausführender alle unsere Soldaten unseres Dorfes und darüber hinaus alle die, die unsere Frontzeitung lesen, von einem stillen Walddörfchen aus der Heimat der Kurhessen. Heil Hitler! F. Kaufmann, Zcllenivalter der NSB^ Zelle Heina. Liebe Kameraden! Eure Heimat liegt noch in tiefer Winterruhe. In der ge ­ wohnten Winterpracht konnten wir unser Dörfchen mit seiner herrlichen Umgebung bis jetzt nicht schauen. Die Jugend ist mit diesem schlappen Winter sehr unzufrieden, mußte sie doch auf die Freuden des Wintersportes verzichten. Nur Regen und neues Patschwetter hat er uns gebracht. Die im Somme» und Herbst sehr stark ausgetrocknete Erde kann nun wieder reichlich Feuchtigkeit aufnehmen. Die Quellen unserer Wassev- leitung waren vollständig versiegt. Bis Weihnachten mußte sämtliches Wasser gepumpt werden. Oft konnte man hören: „Es ist doch gut, daß die Anlage in der Gosse gebaut wurde, sonst müßten wir wie früher das Wasser aus der Fulda holen." Bei der heutigen Anspannung aller Arbeitskräfte wäre eine solche Belastung unerträglich. Heinrich Weitzel, Karl Horn und Heinrich Jäger sind nun auch eingezogen. Die Holzabfuhr muß nun von den anderen Bauern übernommen werden. Was ereignet sich sonst so daheim? Still und unverdrossen geht das Leben seinen Gang. Zur letzten Ruhe geleiteten wir Heinrich Steinbach, Frau Anna Bierwirth und Konrad Wilhelm. Diese drei wackeren Alten, die noch sehr rüstig waren, werden besonders im Sommer sehr vermißt werden. 2m Lazarett sind noch die Kameraden: Johannes Horn, Georg Menget, Georg Schmauch und Fritz Zülch. Heinrich Ger- lach ist entlassen. In Urlaub weilt augenblicklich Wadeck. In treuer Verbundenheit und alles Gute wünschend, grüßt Euch alle Eure liebe Heimat. Euer H. Völpert. Auf Posten im Westen Bon Grenadier Karl Nägel - Ellenberg. Einsam stehe ich aus Posten In stiller, mondenklarer Nacht, Und richte meine Blicke weit nach Osten, Wo jetzt derselbe Mond die ferne Heimat still bemacht. Ueber Welschland's weite Auen Schweifen die Gedanken fort. Sie lassen mich im Geist mein Hessenländchen schauen Und den geliebten, kleinen Heimatort. Vor mir sehe ich erstehen, In herbstlich bunter Farbenpracht, Des Quillerwaldes sanfte Höhen, Auf denen bleich des Sommers letzte Sonne lacht. Hinunter fällt der Blick ins Tal, Wo kühn umschreibt die Fulda ihren Bogen, Wo ich als Kind so manches Mal Froh, sorglos bin einhergezogen. Wie herrlich bist du doch, geliebtes Heimatland, Mit deinen Bergen, deinen schattigen Wäldern, Den schmucken Dörfern und den Aehrenfeldern, Und mit den Wiesenmatten an der Fulda Strand. Um mich erhebt sich leis ein kühler Wind, Bricht flüsternd sich an meines Stahlhelms Blende. Der erste Morgennebel steigt, Ich reibe fröstelnd mir die Hände. Noch versunken in Gedanken schaue ich nach meiner Uhr, Bald ist zu Ende meiner Wache zweite Stunde. Ich war daheim, wenn auch im Geiste nur, Zufrieden geh ich meine letzte Runde. 343