- 21 - Die Märchenfrau und die Bruder Grimm Der bekannte Volkswirt Bruno Jacob aus Kassel weist in seinem Artikel über ”Dorothea Viehmann” aus dem Wilhelm Limpert - Verlag - Dresden - auf die Tage der Fremdherrschaft von 1806 bis 1813 hin und sagt dort wört- ­ lich: "In diesen Tagen der Fremdherrschaft, als sich die Brüder Grimm vor dem Lärm der waffenklirrenden Gegenwart in die Vergangenheit der Heimat, in das Gedächtnisgut des heimischen Stammes, flüchteten, - da fanden sie auch Doro- ­ thea Viehmann, die Märchenfrau, die ihnen gab, was ihr Ge- ­ dächtnis treu bewahrte”. Aus der Vorrede der Jubiläumsausgabe der von den Brüdern Grimm gesammelten "Kinder- und Hausmärchen” ist folgender Wortlaut entnommen: “Einer jener guten Zufälle aber war es, dass wir aus dem bei Kassel gelegenen Dorfe Niederzwehren eine Bäuerin kennen lernten, die uns die mei- ­ sten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählte. Sie war noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahre alt. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Festes, Verständiges und An- ­ genehmes, und aus grossen Augen blickte sie hell und scharf. Sie bewahrte die alten Sagen fest im Gedächtnis und sagte wohl selbst, dass diese Gabe nicht jedem verliehen sei, und mancher gar nichts im Zusammenhänge behalten könne. Dabei erzählte sie bedächtig, sicher und undgemein lebendig, mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man es wollte, noch einmal langsam, so dass man ihr mit einiger Übung nachschreiben konnte. Manches ist auf diese Weise wört- ­ lich beibehalten und wird in seiner Wahrheit nicht zu ver- ­ kennen sein. Wer an leichte Verfälschung der Überlieferung, Nachlässigkeit bei Aufbewahrung und daher an Unmöglichkeit langer Dauer als Regel glaubte, der hätte hören müssen, wie genau sie immer bei der Erzählung blieb und auf ihre Rich- ­ tigkeit eifrig war; sie änderte niemals bei einer Wieder- ­ holung etwas in der Sache ab und verbesserte ein Versehen, sobald