520 DRITTER TEIL: DRITTES BUCH Gefahr ermöglicht. Und das Alte Testament nur, weil es mehr als bloß Buch ist. Das bloße Buch würden die Künste alle ­ gorischer Deutung leicht klein kriegen. So gut wie Christus die Idee des Menschen, so gut würden die Juden des Alten Testaments, wären sie ebenso von der Erde verschwunden wie Christus, die Idee des Volks, Zion die Idee des Weltmittel ­ punkts bedeuten. Aber solcher »Idealisierung« widersetzt sich die handfeste, nicht zu leugnende, ja eben im Judenhaß be ­ zeugte Lebendigkeit des jüdischen Volks. Ob Christus mehr ist als eine Idee — kein Christ kann es wissen. Aber daß Israel mehr ist als eine Idee, das weiß er, das sieht er. Denn wir leben. Wir sind ewig, nicht wie eine Idee ewig sein mag, sondern wir sind es, wenn wirs sind, in voller Wirklichkeit. Und so sind wir dem Christen das eigentlich Unbezweifel- bare. Der Pfarrer argumentierte schlüssig, der dem großen Friedrich, gefragt nach dem Beweis des Christentums, erwiderte: »Majestät, die Juden«. An uns können die Christen nicht zweifeln. Unser Dasein verbürgt ihnen ihre Wahrheit. Darum ist es vom christlichen Standpunkt aus nur folgerecht, wenn Paulus die Juden bleiben läßt bis zum Ende, — bis »die Fülle der Völker eingegangen ist«, eben bis zu jenem Augen ­ blick, wo der Sohn die Herrschaft dem Vater zurückgibt. Das Theologumen aus der Urzeit christlicher Theologie spricht aus, was wir hier erklärten: daß das Judentum in seinem ewigen Fortleben durch alle Zeit, das Judentum, das im »alten« Testa ­ ment bezeugt wird und selber von ihm lebendig zeugt, der Eine Kern ist, von dessen Glut die Strahlen unsichtbar genährt werden, die im Christentum sichtbar und vielgespalten in die Nacht der heidnischen Vor- und Unterwelt brechen. Vor Gott sind so die beiden, Jude und Christ, Arbeiter am gleichen Werk. Er kann keinen entbehren. Zwischen beiden hat er in aller Zeit Feindschaft gesetzt und doch hat er sie aufs engste wechselseitig aneinander gebunden. Uns gab er ewiges Leben, indem er uns das Feuer des Sterns seiner Wahrheit in unserm Heizen entzündete. Jene stellte er auf den ewigen Weg, indem er sie den Strahlen jenes Sterns seiner Wahrheit