508 DRITTER TEIL: DRITTES BUCH können. Aber es ist ein Gefühl in ihm, als sei beides, jenes Haben wie jenes Warten aufs innerlichste miteinander ver ­ bunden. Und das ist eben das Gefühl des »Rests«, der die Offenbarung hat und auf das Heil harrt. Die seltsamen Fragen, die nach der Überlieferung dem jüdischen Menschen von dem göttlichen Richter dereinst vorgelegt werden, bezeichnen diese beiden Seiten des Gefühls. Die eine, »Hast du gefolgert Satz aus Satz«, meint: war in dir das Bewußtsein lebendig, daß dir alles, was dir begegnen mag, irgendwie schon, ehe du ge ­ boren, gegeben war in der Gabe der Offenbarung? Und die andre, »Hast du des Heils geharrt«, meint jene Richtung auf das zukünftige Kommen des Reichs, die in unser Blut von Geburt an hineingelegt ist. In diesem zweieinigen Gefühl also hat sich der Mensch ganz zum jüdischen Menschen verengt. Das Heidentum, das die auseinander- und endlich wieder zu ­ sammenführenden Wege der Christenheit umgriffen, liegt wie ­ derum draußen im Dunkel. Der jüdische Mensch ist ganz bei sich. Die Zukunft, die sonst gewaltig auf seiner Seele lastet, hier ist sie stille geworden. Im Gefühl, der Rest zu sein, ist sein Herz ganz eins in sich selber. Da ist der Jude Nurjude. Die Offenbarung, die ihm ward, die Erlösung, zu der er be ­ rufen ist, sie sind beide ganz hineingeflossen in den engen Raum zwischen ihm und seinem Volk. Und wie Gott und Mensch, so wird auch die Welt dem jüdischen Gefühl ganz heimisch=eng, sobald es sich aus dem unruhigen Flackern seiner Flamme hin und her zwischen dieser und der künftigen Welt in die Einheit eines weltlichen Daseins retten möchte. Daß die Welt, diese Welt, geschaffen ist und dennoch der künftigen Erlösung bedarf, die Unruhe dieses Doppelgedankens stillt sich in der Einheit des Gesetzes. Das Gesetz — denn als Welt angesehen ist es Gesetz und nicht was es als Inhalt der Offenbarung und Forderung an den Ein ­ zelnen ist: Gebot —, das Gesetz also in seiner alles ordnenden, das ganze »äußere«, nämlich alles diesseitige Leben, alles, was nur irgend ein weltliches Recht erfassen mag, erfassenden Vielseitigkeit und Kraft macht diese Welt und die künftige un ­