488 DRITTER TEIL: DRITTES BUCH als die gleiche Erfahrung, die wir schon in der Welt als seine Geschöpfe und Kinder alle Tage machen konnten, so dürfen wir uns mit dieser letzten Erkenntnis seines Wesens noch ein ­ mal zurückwagen in jene erste Nichterkenntnis, in die Erkennt ­ nis seines Nichts, von der wir unsern Ausgang nahmen. Das Heidentum hatte in diesem Nichts unmittelbar ein All. das All seiner Götter gefunden, die Burg, in der sie ihr Leben vor den Blicken der Welt bargen. Es hatte sich an diesen Göttern zu ­ frieden gegeben und nach nichts weiter verlangt. Die Offen ­ barung aber lehrte uns in jenen Göttern den verborgenen Gott erkennen, den verborgenen, der nichts ist als der noch nicht offenbare. Das Heidentum hatte in jenem Nichts wirklich ein All gefunden. Wir. indem wir es als Nichts erkannten, durften nur hoffen, in ihm das All zu finden. Die heidnische Welt wurde uns zur Vorwelt, das Leben der heidnischen Götter zum verborgenen Vorleben Gottes. Das Nichts unseres Wissens von ihm wurde uns so zu einem inhaltsreichen Nichts, zur ge ­ heimnisvollen Voraussage dessen, was wir im Offenbaren erfahren haben. Jenes Dunkel des Nichts verliert seine selb ­ ständige Macht, die es zuvor haben mochte. Daß Gott das Nichts sei. wird ebensosehr zu einem uneigentlichen Satz wie der andre, daß er die Wahrheit sei. Wie die Wahrheit sich enthüllte als die bloße Vollendung dessen, was wir in der Liebe Gottes mit schmeck- und sichtbarer Gegenwärtigkeit erfahren, seiner Offenbarung, so darf auch das Nichts nichts andres sein wollen als die Vordeutung auf diese Offenbarung. Auch daß Gott »Nichts« ist, genau wie daß er »Wahrheit« ist, hält der Frage nach dem Wesen, der Frage »Was ist?«, nicht stand. Was ist Nichts? Schon in dieser Frage selber verbietet sich die einzige Antwort, die das Nichts Nichts bleiben ließe, die Antwort: Nichts. Denn Nichts kann nie das Wesen bezeichnen, nie Prädikat sein. Nichts ist ja kein Begriff. Es hat weder Umfang noch Inhalt. Der Satz, mit dem Schopenhauers Haupt ­ werk schließt, »die Welt ist — Nichts«, ist schon rein begriff ­ lich eine Absurdität. Mindestens erklärt er die Welt nicht. Er