428 DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH blick eins sein, versammelt in einen einzigen Mittelpunkt und dieser Mittelpunkt wiederum Mittelpunkt aller der andern Mittelpunkte dieser einen großen Mitte? Die Frage geht auf das Gemeinschaftsbildende in dieser Gemeinschaft der Christenheit. Mit der dogmatischen Antwort »Christus« ist uns hier nicht geholfen, so wenig wir uns im vorigen Buch mit der Antwort »die Thora« begnügen durften, die eine jüdische Dog ­ matik auf die Frage nach dem Gemeinschaftsbildenden im Judentum wohl hätte geben dürfen. Sondern wir wollen ja grade wissen, wie denn die auf den dogmatischen Grund ge ­ gründete Gemeinschaft sich Wirklichkeit gibt. Genauer noch: wir wissen, es muß eine ewige Gemeinschaft sein; so fragen wir, was wir auch schon im vorigen Buch fragten: wie sich eine Gemeinschaft für ewig gründen könne. Für die Gemein ­ schaft des ewigen Lebens haben wir es erkannt. Nun fragen wir es für die Gemeinschaft des ewigen Wegs. Nicht darin schon kann der Unterschied liegen, daß an jedem Punkt des Wegs Mittelpunkt ist. So war ja auch in jedem Augenblick des Lebens des Volks das ganze Leben. Jeden Einzelnen hat Gott aus Ägypten herausgeführt — :> nicht mit euch allein schließe ich diesen Bund, sondern mit dem, der hier mit uns steht heute wie mit dem, der nicht hier mit uns ist heute«. Das ist beiden, dem ewigen Leben wie dem ewigen Weg gemeinsam: daß sie ewig sind. Und daß alles an jedem Punkt und in jedem Augenblick ist, das heißt ja Ewigkeit. Darin liegt also kein Unterschied. Er muß schon in dem liegen, was ewig ist, nicht in dem Ewigsein. Und so ist es. Ewiges Leben und ewiger Weg — das ist verschieden wie die Un ­ endlichkeit eines Punkts und einer Linie. Die Unendlichkeit eines Punkts kann nur darin bestehen, daß er nie ausgewischt wird; so erhält er sich in der ewigen Selbsterhaltung des fort ­ zeugenden Bluts. Die Unendlichkeit einer Linie aber hört auf, wenn es nicht mehr möglich wäre, sie zu verlängern; sie be ­ steht in dieser Möglichkeit ungehemmter Verlängerung. Das Christentum als ewiger Weg muß sich immer weiter aus ­ breiten. Bloße Erhaltung seines Bestandes bedeutete ihm den