DAS FEUER ODER DAS EWIGE LEBEN 415 gar nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. Woran soll denn die Welt genesen, wenn dieses Volkes Wesen aus ihr getilgt wird? Und je ernsthafter ein Volk so die Einigung von »Salus« und »Fides«, eigenem Dasein und eigenem Weltsinn, in sich voll ­ zogen hat, um so rätselhafter wird ihm die Möglichkeit, die ihm der Krieg erschließt: die Möglichkeit des Untergangs. Und so rückt ihm der Krieg in den Mittelpunkt seines Lebens. Die Staaten des Altertums hatten zum Mittelpunkt ihres staatlichen Daseins den öffentlichen Kult, die Opfer, Feste und dergleichen; der Krieg, der den Feind von den Grenzen wehrte, schirmte gewiß die heimischen Altäre, aber er war nicht selbst Opfer, nicht selbst kultische Handlung, nicht selbst Altar. Der »Glau ­ benskrieg«, der Krieg als religiöse Handlung, blieb der Christ» liehen Weltzeit Vorbehalten, nachdem ihn das jüdische Volk entdeckt hatte. Zu den bedeutsamsten Stücken unsres alten Gesetzes ge ­ hört die Unterscheidung des gewöhnlichen Kriegs gegen ein »sehr fernes« Volk, der nach den allgemeinen Regeln des Kriegsrechts geführt wird, für die der Krieg eine gewöhnliche Lebensäußerung gleichartiger Staatsgebilde ist, und des Glaubenskriegs gegen die »sieben Völker« Kanaans, durch den sich das Volk Gottes den ihm notwendigen Lebensraum er ­ obert. In dieser Unterscheidung steckt die neue Ansicht des Kriegs als um Gottes willen notwendiger Handlung. Die Völ= ker der christlichen Weltzeit können jene Unterscheidung nicht mehr aufrecht erhalten. Dem keine Grenzen duldenden Geist des Christentums gemäß gibt es für sie keine »sehr fer ­ nen« Völker. Was das jüdische Recht staatsrechtlich scheiden konnte, Glaubenskrieg und Staatskrieg, das mischt sich ihnen in eins. Grade weil sie nicht wirkliche Gottesvölker sind, son ­ dern erst auf dem Wege, es zu werden, können sie jene scharfe Grenze. nicht ziehen; sie können gar nicht wissen, wie weit ein Krieg Glaubenskrieg ist, wie weit bloß weltlicher Krieg. Aber auf jeden Fall wissen sie, daß irgendwie Gottes Wille sich in den kriegerischen Geschicken ihres Staates ver ­ wirklicht. Irgendwie — das Wie bleibt rätselhaft; das Volk