380 DRITTER TEIL: ERSTES BUCH beruht darauf, daß der Mensch alles sagen, kann, was er meint, und daß er weiß, daß er es kann; wo er dies verliert, wo er etwa meint, in seiner Qual verstummen zu müssen, weil nur dem »Dichter« gegeben sei, zu sagen was er leidet, da ist nicht bloß die Sprachkraft eines Volks gebrochen, sondern auch seine Unbefangenheit hoffnungslos verstört. Eben diese letzte und selbstverständlichste Unbefangenheit des Lebens ist nun dem Juden versagt, weil er mit Gott eine an ­ dere Sprache spricht als mit seinem Bruder. Mit seinem Bru ­ der kann er deshalb überhaupt nicht sprechen, mit ihm ver ­ ständigt ihn der Blick besser als das Wort, und es gibt nichts im tieferen Sinn Jüdisches als ein letztes Mißtrauen gegen die Macht des Worts und ein inniges Zutrauen zur Macht des Schweigens. Die Heiligkeit der heiligen Sprache, in der er nur beten kann, läßt sein Leben nicht im Boden einer eignen Sprache Wurzel schlagen; ein Zeugnis dafür, daß sich sein Sprachleben stets in der Fremde fühlt und seine eigentliche Sprachheimat anderswo, in dem der täglichen Rede unzugäng ­ lichen Bezirk der heiligen Srache weiß, ist der merkwürdige Umstand, daß die Sprache des Alltags wenigstens in den stummen Zeichen der Schrift die Verbindung mit der dem All ­ tag übrigens längst verlorenen altheiligen Sprache aufrecht- zuerhalten sucht; ganz anders als bei den Völkern der Welt, wo eher die Sprache eine verlorene Schrift als umgekehrt die Schrift eine dem Alltag entschwundene Sprache überlebt: grade im Schweigen und den schweigenden Zeichen der Rede fühlt der Jude auch seinen Sprachalltag noch heimisch in der heiligen Sprache seiner Feierstunden. So drängt auch die Sprache, sonst den Völkern Trägerin und Ründerin des zeitlichen, wandelnden und wechselnden und darum freilich auch vergänglichen Lebens, das ewige Volk grade zurück auf sein eigenstes, jenseits des äußeren Lebens, nämlich nur in den Adern seines leiblichen Lebens selber krei ­ sendes und darum unvergängliches Leben. Ist ihm so der eigene Boden und die eigene Sprache versperrt, wie viel mehr noch wird ihm da auch das sichtbare Leben versagt sein, das