VOM REICH 3 6 3 Zeit in sich selber dar; sie blieb nun gewissermaßen stehen, in jedem Menschen, der glaubte. Wie denn wirklich die Paulus ­ kirche die räumliche Ausbreitung des Glaubens, an der die Zeit — denn ohne Zifferblatt keine Uhr — allein abgelesen werden konnte, einfach vergaß. Erst die johanneische Welt schuf im Gebet an das Schicksal wirklich eine lebendige Zeit, einen in sich selber fließenden Strom, der den einzelnen Augen ­ blick, statt in ihm weggeschlürft zu werden, vielmehr auf seinem Rücken ozeanwärts trägt und die Breite des Raums, statt in ihr auseinanderziriaufen und zu versickern, vielmehr in tausend Verzweigungen durchströmt und bewässert. In diesem Fluß der lebendigen Zeit ist die Zeitlichkeit des Lebens vollendet. Ginge das Leben ganz in dieser seiner Zeit ­ lichkeit auf, wäre also das Gebet an das Schicksal sein höchstes und ganzes Gebet, so würde das Kommen des Reichs durch dieses Gebet, das ja stets den richtigen Augenblick trifft und also stets der Erfüllung gewiß sein kann, nicht bloß weder be ­ schleunigt noch verzögert, sondern — wohlgemerkt: wenn es möglich wäre, jenes Gebet als einziges zu beten — gradezu stillgelegt. Von dem kurzen unnachahmlichen Augenblick aus, wo es so scheinen konnte, als ob wirklich hier dies geschöpf- liche Gebet für sich allein gebetet werden dürfte, von dem Leben Goethes, diesem seligsten Menschenleben her gesehen, scheint ja wirklich die Zeit stillzustehen, und aus der Stadt Gottes dringt wie aus einem versunkenen Vineta nur ein leises Nachhallen verklungener Glocken an die Oberfläche des Lebens. Aber Zeitlichkeit ist nicht Ewigkeit. Das rein zeitlich lebendige Leben Goethes, des lebendigsten der Menschenkinder, war schon in der reinen Zeitlichkeit nur ein einziger, nur mit Lebensgefahr nachzumachender Augenblick. Das Zeitliche braucht den Halt des Ewigen. Aber freilich: ehe nicht das Leben ganz zeitlich oder, anders gesagt, die Zeit ganz lebendig, ganz wirklicher, durch den weiten Raum hindurch über die Klippe des Augenblicks hinweg strömender Strom geworden ist,'eher kann die Ewigkeit nicht über sie kommen. Das Leben, und alles Leben, muß ganz zeitlich, ganz lebendig geworden