3Ö2 DRITTER TEIL: EINLEITUNG ein den Nächsten wie sich selbst um des Übernächsten willen, seinen Freund um die neuen Freunde vergewaltigender Tyrann — Sünder und Schwärmer in einer Person — werden kann. Das Täfelchen verwarnt fortan jeden Wanderer, der den Kamrn erstiegen hat, den Goetheweg nach Goethe noch ein zweites Mal gleich ihm allein in hoffnungsvollem Vertrauen zum Schritt der eigenen Füße, ohne die Flügel des Glaubens und der Liebe, ein reiner Sohn dieser Erde, schreiten zu wollen. Vor solchem Ausgleiten in die zwiefache Verfälschung der Zeit, die im Zuspät des Sünders und die im Zufrüh des Schwärmers, kann das Goethesche Gebet, das Gebet des Un ­ gläubigen, sich nicht selber schützen. Es erfaßt zwar den genauen Augenblick der richtigen Zeit, der angenehmen, der Gnadenzeit. Und erst seit es gebetet wird, beginnt die Zeit sich wirklich zu erfüllen. Erst seitdem kommt das Reich Gottes wirklich in ihr. Es ist ja kein Zufall, daß nun zum ersten Mal ernsthaft begonnen wurde, die Forderungen des Gottes ­ reichs zu Zeitforderungen zu machen. Erst seitdem wurden alle jene großen Befreiungswerke unternommen, die, so wenig sie an sich schon das Reich Gottes ausmachen, doch die not ­ wendigen Vorbedingungen seines Kommens sind. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurden aus Herzwvorten des Glau ­ bens zu Schlag=worten der Zeit und mit Blut und Tränen, mit Haß und eifervoller Leidenschaft in die träge Welt hinein ­ gekämpft in ungeendeten Kämpfen. Solange die alte Petruskirche allein war, wuchs bloß der Raum — »hin in alle Welt«. Nur am Wachstum des Raums war der Zeigerstand der Zeit abzulesen. So wie Dante, als er im Paradies in der Versammlung der Heiligen nur noch wenige Sitze leer fand, daraus schließen zu dürfen glaubte, daß das Ende der Welt nun nahe sei, und gar nicht daran dachte, daß vielleicht das Einnehmen dieser wenigen Sitze länger dauern könnte als das der vielen bisher, so war die Kirche gewöhnt, das Wachstum des Reichs gewissermaßen an der Missions ­ landkarte abzulesen. Gegen solche Verbreitung der Zeit ins Räumliche stellte die paulinische Epoche die Versenkung der