DRITTER TEIL: EINLEITUNG 35 2 ebenfalls sich selbst unbefangen mit der Welt gleichsetzte, sicherte sich auch dies mittelländische Kaiserreich durch fest- land=durchschneidenden Wall und Graben sein Dasein gegen den Rest der Erde, den zu erobern es verzichtete. Und wie so das Ganze des Reichs das Schicksal der Welt von seinen Schultern wälzte, so war auch im Innern das Schicksal des Einzelnen nur sehr obenhin dem Schicksal des Ganzen verbunden. Wie die Geschichte der Haupt ­ stadt durchaus nicht die Geschichte der Provinzen ist, so wird auch das Leben des einzelnen Menschen vom Leben der Gesamtheit eigentlich kaum berührt. Es ist kein Zufall, daß schließlich als das Ergebnis dieser mehrhundertjährigen Reichsgeschichte eine Verbuchung des privaten Rechts übrig blieb: der römische Bürger litt am Staat so wenig, wie er an ihm wirkte; das einzige, was ihm vom Ganzen kam, war Ein ­ grenzung und Schutz seiner privaten Rechtssphäre, — ein Zaun gewissermaßen, der jeden gegen alle andern abschloß, wie der große Grenzwall das Reich gegen die Welt. In dieses Schein- und Widerbild eines Weltreichs setzten nun die Christen sein vollkommenes Gegenstück, das, äußerlich angelehnt an seine Gliederung, seinen unterm Andrang der vergebens durch Wall und Graben ausgeschlossenen Völkerwelt geschehenden Einsturz überdauerte und überdauert bis zum heutigen Tag: die römische Kirche. Die Sendboten des Nachfolgers Petri haben den Limes überschritten; sie sind hinausgegangen und haben alle Völker gelehrt. Die Kirche setzt sich keine äußeren Grenzen mehr, •wie es das Reich tat; sie gibt sich grundsätzlich an keiner Grenze zufrieden, sie weiß von keinem Verzicht. Und wie sie nach außen um aller Welt Schicksal ihren schützenden Mantel schlägt, so darf auch in ihrem Schoße keiner für sich bleiben. Von jedem verlangt sie unmittelbar das Opfer seines Selbst, aber jedem erstattet sie es in ihrer bemutternden Liebe reich ­ lich zurück; ein jeder ist ein kostbares und unersetzliches, ein trotz aller andern stets einziges Kind. So hängt durch sie das Leben des Einzelnen unmittelbar am Leben aller Welt. Das