VOM REICH 345 das, was sie zu gewähren geneigt seien, und daß also für den Fall, daß man um »Unrichtiges« bitte, man selbst von vorn ­ herein um Nichterfüllung bitten müsse. Über diesen leeren Gedanken des »richtigen« Gebets ­ inhalts erhöht der Glaube den Gedanken der rechten Zeit. Es gibt keinen an sich unrichtigen Gebetsinhalt. Das, was schein ­ bar kraß unrichtiger Inhalt ist und was zu beten dem frommen Heiden ein Greuel wäre, das Gebet um eigenen Vorteil, das egoistische Gebet — es ist nicht von seinem Inhalt her un ­ richtig; denn Gott will, daß der Mensch sein Eigenes habe, er gönnt ihm, was er zum Leben braucht, ja mehr: was er im Leben zu brauchen glaubt, ja was er nur immer wünschen kann. All das gönnt ihm Gott, und weil er es gönnt, deshalb gibt er es ihm, ja deshalb hat er es ihm schon gegeben, ehe er noch darum bitten kann; es gibt dem Inhalt nach keine sün ­ dige Bitte; selbst eine so verbrecherische wie etwa die um den Tod eines andern, wäre von Gott dem Beter schon er ­ füllt, ehe er sie bittet, indem er den Beter zum Einzelnen ge ­ schaffen hat; es ist ja schon so, ohne alles Gebet: der andre muß sterben. Denn nur Andre können sterben; nur als Andrer, nur als Er stirbt der Mensch. Das Ich kann sich nicht gestorben denken; seine Angst vor dem Tode ist die Angst, das zu werden, was es an gestorbenen Andern allein mit Augen sehen kann: ein gestorbener Er, ein gestorbenes Es; nicht den eigenen Tod fürchtet der Mensch, denn den kann das Ich, das in der Offenbarung erweckte, in seinem Vorstellen, wie es ist, gebunden an die Formen der Schöpfung, sich gar nicht vorstellen, sondern den eigenen Leichnam. Der Schauder, der ihn, den Lebendigen, angeweht hat, so oft er einen Toten sah, befällt ihn, sowie er sich, den Lebendigen, selber als einen Toten vorstellt, wo doch streng genommen der Tote nie als »man selbst«, sondern stets nur als ein »andrer« vorgestellt werden kann. Man selbst überlebt also ohnehin den andern, jeden andern; denn der andre, jeder andre, ist tot schon als andrer, schon von der Welt her; er ist als andrer geschaffen, und als Geschaffener vollendet er sich zum Geschaffenen im