VOM REICH 339 22* einander eins sein. Und das sind sie nicht, solange eine jede der vielen noch zurückgeht auf fein einsames Gebet einer ein ­ samen Seele. Wohl wird dies Gebet des Einsamen eingefügt in das Gebet der Vielen um das Kommen des Reichs, aber des ­ wegen bleibt der Einsame um nichts weniger in seiner Ein ­ samkeit. Sein eigenes Hier=stehedch bleibt ihm der Grund seines Nicht=anders s können, und er kann nur beten, daß Gott ihm helfe; er selbst kommt von der Vereinzeltheit seines Stand ­ punkts, und damit sein Gebet von dem Zwang, eine eigene Weltordnung zu stiften, nicht los. Was ist nun aber denn für eine Gefahr dabei? Wenn nun auch wirklich das Gebet, indem es dem Beter einen Blick auf die Welt öffnet, sie ihm in besonderer Ordnung zeigt, sollte das irgendwelche Folgen haben für diese eine göttliche Weltord ­ nung selbst? Läge denn etwa im Gebet eine Kraft, die tyran ­ nisch eingreifen könnte in den gottentsprungenen Lauf der Welt von der Schöpfung her? Wenn das Gebet wesentlich nichts weiter ist als Gebet um Erleuchtung und also Erleuchtung auch das höchste ist, was dem Beter durch die Kraft des Gebets werden kann, wie soll dann wohl das Gebet eingreifen können in den Gang des Geschehens? Die Erleuchtung scheint doch nur dem Beter zu werden, seine Augen werden erleuchtet — was kümmert das die Welt? Die Erleuchtung freilich braucht sie nicht zu kümmern. Die. Erleuchtung unmittelbar wirkt nicht. Das schlechtweg Wirk ­ same ist nicht sie, sondern die Liebe. Die Liebe kann nicht anders als wirken. Es gibt keine Tat der Nächstenliebe, die ins Leere fällt. Grade weil die Tat blind getan wird, muß sie irgendwo als Wirkung zum Vorschein kommen. Irgendwo, ganz unberechenbar wo. Würde sie sehend getan, wie die Zwecktat, dann freilich wäre es möglich, daß sie spurlos unter ­ ginge; denn die Zwecktat geht nicht breit, offen, unbedeckt und unbedacht in die Welt, sondern sie ist zugespitzt auf ein be ­ stimmtes gesehenes Ziel, und indem sie den Weg zu diesem Ziel mitsieht und, zweckvoll wie sie ist, ihn mit in ihre Rech ­ nung einrechnen muß, sucht sie, außerdem daß sie sich auf ihr