OFFENBARUNG Ul zweiter Liebhaber, der »König«, hineinspielte, schien ja zu solchen Deutungen herauszufordern und gab ihnen freies Feld. So ist das neunzehnte Jahrhundert voll von ihnen, wobei allerdings keine Deutung der andern gleicht; an keinem Buch der Bibel hat die Kritik solche umfangreichen Umordnungen, vielmehr Umstürze des überlieferten Textes vorgenommen wie an diesem. Das Ziel war immer, das Lyrische, das Ich und Du des Gedichts, in ein episch-anschauliches Er und Sie zu verwandeln. Die Sprache der Offenbarung der Seele hatte eben für diesen alles nach seinem Bilde zum Objektiven, zum Weltlichen umschaffenden Geist des Jahrhunderts etwas Un ­ heimliches. Die Verleugnung des Worts Gottes, anfänglich noch geschehen in überschwänglicher Freude am nun »rein« gewordenen Wort des Menschen, rächte sich alsbald am Wort des Menschen, das, losgelöst von seinem unmittelbaren, lebendig vertrauensvollen Einssein mit jenem, zur toten Ob= jektivität der dritten Person erstarrte. Da kam aus der Wissenschaft selber der Gegenschlag. Die hoffnungslose Willkürlichkeit und textkritische Abenteuerlich ­ keit aller Deutungen ins Objektive des »Singspiels« machte die gelehrten Gemüter aufnahmefähig für eine neue Ansicht. Die eigentliche crux dieser Interpreten war ja das rätselhafte Ver ­ hältnis des Hirten zum König und der Sulamith zu beiden ge ­ wesen. War sie treu? oder untreu? einem? oder beiden? und so fort ins Unendliche der Kombinationen, in denen gelehrt' erotischer Spürsinn von je groß zu sein pflegt. Die einfache Lösung der früheren »mystischen« Auffassung, wonach der Hirt und der König ein und dieselbe Person waren, nämlich Gott, war natürlich längst überholt. Da entdeckte man mit einem Male, daß bei den Bauern Syriens noch heutigentags die Hochzeit unter dem Gleichnis einer Königshochzeit, der Bräutigam also als der König, die Braut als die vom König erwählte Braut, gefeiert wird. Und nun war plötzlich das schillernde Nebeneinander der zwei Personen geklärt: es ist eben wirklich nur eine: der Hirt, der in der Woche seiner Hochzeit sich als König Salomo in aller seiner Herrlichkeit