216 ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH Liebenden? Ihr Wiederlieben ist nur, daß sie sich lieben läßt. Der Liebe des Liebenden antwortet von ihr kein Dank; dankt das Geliebte, so kann sich sein Dank nicht auf den Liebenden richten, sondern er muß sich Auswege suchen nach andern Seiten, symbolische Auswege gewissermaßen; die Liebe möchte Dankopfer bringen, weil sie fühlt, nicht danken zu können. Vom Liebenden kann sie sich nur lieben lassen, weiter nichts. Und so empfängt die Seele die Liebe Gottes. Ja allein für die Seele und die Liebe Gottes gilt dies alles im strengen Sinne. Zwischen Mann und Weib gehen, je höhere Blüten die Pflanze der Liebe zwischen ihnen ansetzt, je mehr sie recht als ein Palmbaum über sich steigt und sich von ihren unterirdischen Wurzeln entfernt, die Rollen des Liebe Gebenden und Liebe Empfangenden hin und her, ob ­ wohl von den Wurzeln der Geschlechtlichkeit her sich immer wieder das eindeutige Verhältnis der Natur wiederherstellt. Aber zwischen Gott und der Seele bleibt das Verhältnis immer das gleiche. Gott hört nie auf zu lieben, die Seele nie, geliebt zu sein. Der Seele wird der Friede Gottes gegeben, nicht Gott der Friede der Seele; und Gott schenkt sich der Seele hin, nicht die Seele hier sich Gott; wie sollte sie das auch? beginnt doch erst in der Liebe Gottes aus dem Fels des Selbst die Blume der Seele zu wachsen; vorher war der Mensch fühllos und stumm in sich gekehrt; nun erst ist er — geliebte Seele. Geliebt? Ists die Seele? Kann sie es sein? Ist die Liebe Gottes etwas, wovon nichts mehr sie scheiden kann? Kann sie aus diesem Ruhen in Gott nicht mehr herausgestoßen wer ­ den? Ist sie immer bei ihm, kann er sein Angesicht nicht von ihr abwenden? Ist ihre Gottgeliebtheit ein so festes Band, daß sie gar nicht fassen kann, daß Gott es auch einmal wieder lösen könnte? Was ist es denn, was dieser scheinbar doch rein passiven Eigenschaft des GeliebLseins die Kraft gibt, Eigenschaft, wesentliche Eigenschaft, einmal der Seele eigen und nun auf immer untrennbar von ihr zu sein? Solch Pas ­