214 ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH liehe Äußerungen von besonders charakteristischer Physio ­ gnomie zugehörten, — was ist das für ein Stolz? Es müßte ein Stolz sein, der nicht stolz »auf« dieses oder jenes wäre, denn dann wäre er zwar Eigenschaft, aber nur Eigenschaft unter Eigenschaften, nicht wesentliche Eigenschaft, in der der ganze Mensch zu ruhen vermag. Das Wort »Stolz« ist vielleicht zu sehr nach der andern Seite belastet; es klingt zu viel von Hochmut mit darin, Hochmut, dessen echte Äußerung eben nur der Trotz ist. Und doch steht der Stolz rein in der Mitte zwischen Trotz und jener Umkehrung des Trotzes, die wir suchen. Er kann sich »äußern«; dann wird er ganz von selbst hochmütiger Trotz, Hybris; aber er kann auch ganz jenseits allen Gedankens an Äußerung einfach nichts weiter als sein. Solch einfach seiender Stolz aber, in welchem dann der Mensch stille ist und sich tragen läßt, ist nun freilich das reine Gegenteil des stets neu aufwallenden Trotzes. Es ist die Demut. Auch die Demut ist ja ein Stolz. Nur Hoffart und Demut sind gegensätzlich. Aber die Demut, die sich bewußt ist, von eines Höheren Gnaden zu sein was sie ist, sie ist so sehr Stolz, daß jenes Bewußtsein des Gottesgnadentums selber geradezu für ein hoffärtiges Bewußtsein gehalten werden konnte. Die Demut ruht im Gefühl des Geborgenseins. Sie weiß, daß ihr nichts geschehen kann. Und sie weiß, daß ihr keine Macht dies Bewußtsein rauben kann. Es trägt sie, wo ­ hin sie auch gehen mag. Sie bleibt immer von ihm umgeben. Die Demut allein ist ein solcher Stolz, der vor allen Aufwal ­ lungen sicher, aller Äußerungen unbedürftig ist und der für den Menschen, der ihn hat, eine schlechthin notwendige Eigenschaft bedeutet, in der er sich bewegt, weil er es gar nicht mehr anders weiß. Und diese Demut in ihrer stolz=ehr- fiirchtigen Selbstverständlichkeit ist \dennoch weiter nichts als der aus seiner stummen Verschlossenheit heraus- und hervortretende Trotz. Wie dieser, wo er als tragische Hybris sichtbare Gestalt annahm, bei der schaulustigen Menge Schauer der Furcht erregte, ohne doch selber etwas davon