210 ZWEITER TEIL: ZWEITES BUCH dieses sieghafte Heute einmal verschlungen, diese Liebe ist der ewige Sieg über den Tod; die Schöpfung, die der Tod krönt und schließt, kann ihr nicht Stand halten; sie muß sich ihr ergeben in jedem Augenblick und darum schließlich auch in der Fülle aller Augenblicke, in der Ewigkeit. W as so als Enge des Begriffes der göttlichen Liebe er ­ scheint, wie ihn der Glaube faßt, nämlich daß diese Liebe nicht wie das Licht als wesenhafte Eigenschaft nach allen Seiten strahlt, sondern in rätselhaftem Ergreifen Ein ­ zelne ergreift — Menschen, Völker, Zeiten, Dinge —, unbe ­ rechenbar in diesem Ergreifen bis auf die eine Gewißheit, daß sie einmal auch das noch Unergriffene ergreifen wird: diese scheinbare Engherzigkeit macht die Liebe erst wahrhaft zur Liebe; nur so, indem sie sich in jeden Augenblick ganz hineinwirft, und sei es, daß sie alles andere darum vergißt, nur so kann sie schließlich alles wirklich ergreifen; ergriffe sie alles mit einem Male, was wäre sie anders als schon die Schöpfung war? Denn auch die Schöpfung schuf alles mit einem Male und wurde so zur immerwährenden Vergangen ­ heit; eine Liebe, die alles von vornherein ergriffen hätte, wäre eben auch nur ein Vonvornherein, nur eine Vergangenheit, und nicht was Liebe erst zur Liebe macht: Gegenwart, reine, unvermischte Gegenwart. Solche Vergangenheit bestimmt den Begriff des Offen ­ barem im Islam. Hier ist, genau wie im vorigen Buch der Be ­ griff des Schöpfers, der des Offenbarers unmittelbar, ohne jene vielberufene Umkehr des Ja und des Nein, aus dem lebendigen Gott des Mythos hervorgegangen. Wie sich da ­ mals die Schöpferwillkür nicht zur Schöpferweisheit ver ­ festigte, so bleibt jetzt die Offenbarung göttliche Eigenschaft, Notwendigkeit des göttlichen Wesens; der Augenblick kommt nicht über sie; sie wird nicht selbstverleugnende Leiden ­ schaft; sie ähnelt so der Schöpfung, nicht der Schöpfung nach dem Begriff des Islam, welche freie, unnotwendige Tat der göttlichen Willkür ist, aber der Schöpfung nach dem Be ­