130 ZWEITER TEIL: EINLEITUNG Verwechseln angeglichen, so daß also für den Glauben wirk ­ lich genau gemäß der neuen Grundeinstellung nur Gegenwart und Zukunft existieren. Die historische Theologie hatte der »kantianischen« Theologie Ritschls und seiner Schule freies Feld geschaffen, die in zweifelloser Weiterbildung des Schleiermacherschen Grundgedankens eine völlige Unabhän ­ gigkeit des Glaubens vom Wissen behauptet. Denn die Objek ­ tivität des Wissens ist es ja letzthin, die sich hinter dem Be ­ griff Vergangenheit verbirgt. Die Abfangung und teils Ein ­ kapselung teils Neueinkleidung des Vergangenen, die der histo ­ rischen Theologie aufgetragen wird, bedeutet also im Grunde die Aufrichtung einer chinesischen Mauer gegen das Wissen. Dem Wissen selbst mutet die »liberale« Theologie eine Lei ­ stung zu, wie sie die orthodoxe nicht von ihm zu verlangen wagt: auf »wissenschaftlichem« Wege sollen die Ansprüche der Wissenschaft, die schon grundsätzlich abgelehnt sind, auch noch in jedem einzelnen Fall abgewiesen werden. Und wahr ­ haftig: die historische Theologie leistet, was sie soll. Kein Wunder aber auch, daß sie sich mit dieser Leistung als Wissenschaft so hoffnungslos kompromittiert hat, daß heute niemand mehr Vertrauen zu ihr fassen mag. Das Verfahren war denn doch zu durchsichtig. Wenn nicht gleich, so doch mit der Zeit, wenn nämlich die Gegenwart selbst der Zeit ihren Zoll zahlen mußte und zur Vergangenheit wurde, mußte es ja auffallen, daß diese Wandlungen der Gegenwart prompt von Wandlungen der im »Spiegel« der Wissenschaft auf ­ gefangenen Vergangenheit begleitet wurden. Um die Wende des Jahrhunderts zerbrach, in Schweitzers immanenter Kritik und in den tollkühnen Hypothesen der Leugner des geschicht ­ lichen Jesus einerseits, denen der Panbabylonier andrerseits, das Gebäude der historischen Theologie ohne Hoffnung auf Wiederaufbau. Weitab von dem Trümmerfeld gilt es nun, einen völligen Neubau vorzunehmen. So billig aber,.wie mit der historischen Theologie, dürfte es hierbei nicht abgehen. Grade wenn man — und das will auch die Gegenwart — die Grundstellung, den Primat der Hoffnung oder genauer die