128 ZWEITER TEIL: EINLEITUNG hundert seinem Ideal nicht reif sei, und sich als einen Bürger derer, welche kommen werden, fühlte, so band der neue Glaube den gegenwärtigen Augenblick des inneren Durch ­ bruchs der Gnade fest in das Vertrauen auf ihre zukünftige Auswirkung im Leben. Ein neuer Glaube, auch wenn er, wie es wohl geschah, die Sprache Luthers zu reden suchte. Denn einerseits gab er Luthers Verankerung des lebendigen Glau ­ bens in dem festen Grund der Vergangenheit preis und ver ­ suchte den Glauben ganz in die Gegenwart des Erlebnisses zu sammeln, und andererseits ließ er dies gegenwärtige Erlebnis mit einer der Lutherschen Lehre gradezu entgegengesetzten Betontheit in die Zukunft des »praktischen« Lebens münden, ja meinte wohl, dem Glauben in diesem hoffnungsvollen Ver ­ trauen auf Auswirkung ins Zukünftige, die für Luthers Pau ­ linismus höchstens Folge des Glaubens sein durfte, selbst den objektiven Halt zu geben, den Luther ihm durch die Be ­ gründung auf die schriftbezeugte Vergangenheit zu geben ver ­ sucht hatte. Diese Hoffnung auf das zukünftige Reich der Sittlichkeit wurde der Stern, nach dem der Glaube seine Welt ­ fahrt richtete. Man muß hören, wie der große Sohn dieser Epoche, Beethoven, im Credo der Missa solemnis die Worte von der vita venturi saeculi in immer neuen Wiederholungen herausjubelt, als ob sie Krone, Sinn und Bestätigung des ganzen Glaubens wären. Und eben dieser Hoffnung des neuen Glaubens sekundierte als weltlicher Sekundant, und freilich auch Nebenbuhler, der Fortschrittsgedanke der neuen Welt ­ anschauung. In Schleiermacher hat dies ganze System von Verleugnung des fortdauernden Wertes der Vergangenheit und Verankerung des allzeit gegenwärtigen Erlebens des gläubigen Gefühls in die ewige Zukunft der sittlichen Welt seinen klassischen Ver ­ treter gefunden. Alle folgende Theologie hat sich mit ihm auseinanderzusetzen gehabt. Seine Grundstellung hat sie kaum erschüttert. Aber im einzelnen War dies Gedankengebäude noch fragwürdig genug. Denn man konnte zwar die von Wundern und also nun von Zweifeln überlastete Vergangen ­