VOM WUNDER 127 Und wie wir bisher sahen, daß die Aufklärung in ihrem Kampf gegen die jeweils vergangene Epoche unbeabsichtigt der jeweils heraufziehenden Waffen lieferte, so auch jetzt. Denn es ist eine neue Epoche, die um 1800 heraufzieht Die Aufklärung war diesmal historische Aufklärung gewesen. Als historische Kritik hatte sie die Augenzeugen ­ schaft des Wunders und damit dieses selbst als eine historische Tatsache unglaubwürdig gemacht. Nicht bloß dem vermittel ­ ten Glauben der sichtbaren Kirche, sondern auch dem un ­ mittelbar auf die Schrift als die letzte Quelle zurückgehenden Glauben Luthers war der Gegenstand wankend geworden. Aber schon hatte die neue pietistische Mystik seit dem Aus ­ gang des siebzehnten Jahrhunderts einen neuen, von der ge ­ schichtlichen Objektivität des Wunders so gut wie unabhän ­ gigen Glaubensbegriff vorbereitet. Und nun kam diesem neuen Glauben unerwartete Unterstützung von eben der Aufklärung, die den alten untergraben hatte. Unmittelbar aus der Kritik hervor wuchs die historische Weltanschauung. Da das ein ­ fache Hinnehmen der Überlieferung nicht mehr zulässig war, so mußte ein Prinzip entdeckt werden, nach welchem die von der Kritik übrig gelassenen disjecta membra der Tradition wieder zu einem lebendigen Ganzen zusammengefügt werden konnten. Dies Prinzip fand man in dem Gedanken des »Fort ­ schritts« der Menschheit, ein Gedanke, der mit dem acht ­ zehnten Jahrhundert aufkam und seit 1800 in breiter Front in verschiedenen Formen die geistige Welt sich untertan machte. Die Vergangenheit wurde dadurch dem Erkennen preisgegeben, der Wille aber fühlte sich von ihr befreit und wandte sich der Gegenwart und Zukunft zu; denn der Fortschritt ist für den Willen eingespannt zwischen diese beiden. Diese Richtung auf Gegenwart und Zukunft war nun auch in der neuen Wendung, die der Glaube genommen hatte, an ­ gelegt. Wenn die Aufklärung die Gegenwart mit der Zukunft durch das Vertrauen auf den Fortschritt verband und der Ein ­ zelne sich von der Gewißheit nährte, daß nur dieses Jahr ­