VOM WUNDER 125 Es gibt nicht eine, sondern eine Mehrzahl von Aufklärun ­ gen, die epochenweise nacheinander dem in die Welt ge ­ tretenen Glauben das Wissen repräsentieren, mit dem er sich auseinanderzusetzen hat. Die erste ist die philosophische Aufklärung der Antike. Die ganze Patristik hat es mit ihr zu tun. Ihre Bekämpfung des heidnischen Mythos wird in aller Gemütsruhe übernommen; ihrem Anspruch auf Allwissenheit wird zunächst widersprochen — was hat der Schüler Grie ­ chenlands gemein mit dem Schüler des Himmels? —, allmäh ­ lich aber, wenn auch unter letzten Vorbehalten, schrittweise Platz gegeben. Was einen Origenes noch zum Ketzer stem ­ pelte, steht dem, was ein Jahrtausend später Thomas über Glauben und Wissen lehrte, und was die Kirche von ihm an ­ nahm, jedenfalls näher als der Lehre der Antithomisten. Nicht zufällig hat Luther gegen »Aristoteles« gekämpft, wenn er gegen die mittelalterliche Kirche aufstand. Die von ihm inaugurierte Epoche hat denn auch in der Renaissance eine neue Aufklärung zur Seite, die diesen Kampf gegen Aristoteles von ihrem Standpunkt aus mitkämpft und die sich, nachdem die philosophischen Nebel ihrer Kindheit sich gelichtet haben, immer deutlicher als eine naturwissenschaftliche Aufklärung erweist. Den Kampf gegen das rationale Wissen der Scho ­ lastik kämpft sie als ungesuchte Bundesgenossin des Glaubens; was sie, genau wie der Glaube, als das Erbe der Scholastik übernimmt, ist wesentlich die positive Bewertung der Natur, die, nach der im Mittelalter gereiften Ansicht, von der Über ­ natur wohl überholt, nicht aber verleugnet oder verworfen wurde. Diesem Naturbegriff, wie er sich verdichtet zum Ver ­ trauen auf die Erfahrung und zur Forderung der eigenen Ver ­ gewisserung sowohl im Glauben wie im Wissen, überkam dann die neue »Aufklärung« jener Epoche, die wir insbeson ­ dere mit diesem Namen zu bezeichnen gewohnt sind. Sie richtete die Kritik, welche die Aufklärung der Antike gegen die Träume des Mythos, die der Renaissance gegen-die Ge ­ spinste der Vernunft gerichtet hatte, nun gegen die Leicht ­ gläubigkeit der Erfahrung. Als Kritik an der Erfahrung