124 ZWEITER TEIL: EINLEITUNG gibt, wie schon der Satan im Buch Hiob weiß, erst das Zeug ­ nis, das in den Qualen der peinlichen Frage aufrechterhalten wurde; der Blutzeuge erst ist der wahre Zeuge. So ist die Berufung auf die Märtyrer der stärkste Beweis des Wunders, zunächst auf die Märtyrer, die mit ihrem Martyrium eine Augenzeugenschaft zu erhärten hatten, dann aber weiterhin auch auf die späteren, die mit ihrem Blut die Festigkeit ihres Glaubens an die Glaubwürdigkeit derer, die ihnen das Wunder überliefert hatten, also letzthin der Augenzeugen, bewährten; ein Zeuge, für dessen Glaubwürdigkeit andere wortwörtlich durchs Feuer gehen, muß ein guter Zeuge sein. So wachsen beide Beweise, der der Schwur- und der der Blutzeugen ­ schaft, zusammen und sind schließlich nach einigen Jahr ­ hunderten ein einziger geworden in dem berühmten Rekurs Augustins von allen einzelnen Gründen auf die gegenwärtige historische Gesamterscheinung, die ecclesiae auctoritas, ohne die er dem Zeugnis der Schrift keinen Glauben schenken würde. So vollkommen ist Wunderglaube, und zwar nicht bloß der Glaube an das dekorative, sondern auch der an das zen ­ trale, an das Offenbarungswunder, historischer Glaube. Daran ändert auch die luthersche Reformation nichts. Sie verlegt bloß den Weg der persönlichen Vergewisserung von der Peri ­ pherie der Überlieferung, wo die Gegenwart steht, unmittel ­ bar ins Zentrum, wo die Überlieferung entspringt; sie schafft damit einen neuen Gläubigen, keinen neuen Glauben; der Glaube bleibt historisch verankert, auch wenn eine gewisser ­ maßen mystische Augenzeugenschaft den aus Schwur- und Blut^eugenschaft gekitteten Beweis der sichtbaren Kirche bei ­ seite schiebt. Ganz und gar nicht, wie ja schon ausgeführt, konnte die naturwissenschaftliche Aufklärung, die gleichzeitig oder etwas später einsetzte, hier etwas ändern. Es mußte schon eine andre Aufklärung als die naturwissenschaftliche kommen, um diesem Glauben das Leben schwer zu machen, — eine historische Aufklärung.