122 ZWEITER TEIL: EINLEITUNG Zauber wäre, wird im Munde des Propheten zum Zeichen —, beweist er das Walten der Vorsehung, das der Magier leugnet. Er beweists; denn wie sonst wäre es möglich, das Künftige vorherzusehen, wenn es nicht »vorgesehen« wäre? Und darum gilt es, das heidnische Wunder zu übertreffen, seinen das eigene Machtgebot des Menschen ausführenden Zauber durch das Gottes Vorsehung erweisende Zeichen zu verdrängen. Darum die Freude am Wunder. Je mehr Wunder, je mehr Vorsehung. Und eben die unbegrenzte Vor ­ sehung, dies, daß wirklich ohne Gottes Willen kein Haar vom Haupte des Menschen fällt, ist der neue Begriff von Gott, den die Offenbarung bringt; der Begriff, durch den sein Verhältnis zu Welt und Mensch mit einer dem Heidentum ganz fremden Eindeutigkeit und Unbedingtheit festgelegt wird. Das Wunder erwies zu seiner Zeit grade das, woran seine Glaubwürdigkeit heute zu scheitern scheint: die vor ­ bestimmte Gesetzmäßigkeit der Welt. Der Gedanke der Naturgesetzlichkeit also, soweit er vor ­ handen war, vertrug sich mit dem Wunder ausgezeichnet. So kommt es, daß auch später, als jener Gedanke seine moderne uns geläufige Form der immanenten Gesetzlichkeit annahm, von hier aus zunächst keine Erschütterung des Wunderglaubens ausging. Im Gegenteil: merkwürdig ernst nahm jenes Zeitalter den heute dem allgemeinen Bewußtsein von der Naturgesetzlichkeit so gut wie entschwundenen Um ­ stand, daß die Naturgesetze nur den inneren Zusammenhang, nicht den Inhalt des Geschehens festlegen, daß also damit, daß alles natürlich zugeht, noch garnichts darüber gesagt ist, was denn nun »natürlich zugehe«. So schien auch da noch das Wunder dem unbedingten Gelten des Naturgesetzes mit nichten zu widersprechen; es war gewissermaßen von der Schöpfung her mit allem andern zugleich angelegt und trat dann eines Tages mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ans Licht. Die Schwierigkeiten mußten also von anderswoher kommen. Die Skepsis gegen das Wunder bestritt denn auch eigent ­ lich in früheren Zeiten nicht wie heute seine allgemeine Mög ­