ÜBERGANG 115 8* beim tragischen Menschen ihr lebendiges Selbstbewußtsein, bei der plastischen Welt ihre erzeugte Weltanschauung. Der Unterschied scheint nicht tief zu greifen; in Wahrheit reicht er sogar tiefer als uns in diesen bloß überleitenden Bemer ­ kungen darzustellen erlaubt ist. Denn in der geglaubten Gottesvorstellung finden wir die Erbschaft, die aus einer un ­ vordenklichen Vergangenheit der Antike überkommen war; im lebendigen Selbstbewußtsein sehen wir die Luft, die sie atmete, in der erzeugten Weltanschauung das Erbe, das sie den Kommenden übermachte. So erscheint die Antike in dreierlei zeitlicher Gestalt: einem ihr selber in der Vergangen ­ heit liegenden Vorleben, einer mit ihr selbst gekommenen und vergangenen Gegenwart und einem über sie hinaus führenden Nachleben. Das erste ist ihre Theologie, das zweite ihre Psychologie, das dritte ihre Kosmologie. In allen dreien haben wir nur Elementarwissenschaften zu sehen gelernt — denn auch in ihrer Modernität gelten sie uns nür als Lehre von den »Elementen«. Elementarwissenschaften, d. h. gewissermaßen Wissenschaften von den Vorgeschichten, von den dunkeln Gründen des Entstehens; die antike Theologie, Psychologie, Kosmologie gilt uns also sozusagen für Theogonie, Psycho- gonie, Kosmogonie. Und nun haben wir den bedeutsamen Unter ­ schied festgestellt, und zwar festgestellt, ohne besonders darauf auszugehn, bloß in der Durchführung unsrer allgemeinen Auf ­ gabe, den Unterschied, daß die Theogonie, die Geburtsge ­ schichte Gottes, schon der Antike eine Vergangenheit be ­ deutete, die Psychogonie, die Geburtsgeschichte der Seele, ein gegenwärtiges Leben, die Kosmogonie endlich, die Ge ­ burtsgeschichte der Welt, eine Zukunft. Das hieße also, daß Gottes Geburt vor dem Ursprung der Antike läge, die Geburt der Seele in der Antike geschehe und die Geburt der Welt erst nach Untergang der Antike sich vollende. Und da ­ mit wäre uns in diesen drei Geburten aus dem dunkeln Grund, diesen drei — wenn wir das Wort einmal wagen wollen — Schöpfungen, eine Verteilung der »Elemente« angedeutet über den großen Welttag, den Himmel, an dem die von ihnen ge ­