346 111. genus. grammatijcher. © Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 21 Das grammatifche genus ift demnach eine in der phantafie der menfchlichen fprache entfprungene ausdeli- nung des natürlichen auf alle und jede gegenitände, Durch diefe wunderbare Operation haben eine menge von ausdrücken, die lonft todte und abgezogene begrilfe enthaltet, gleich fam leben und empfindung empfangen, und indem lie yon dem wahren gefchlecht formen, bil- dungen, llexionen entlehnen, wird über he ein die ganze fpraiche durchziehender reiz von bewegung und zugleich bindender Verknüpfung der redeglieder unver ­ merkt ausgegoßen. Man kann lieh, wäre das genus in der fprache aufgehoben, verfchlingungen der Worte, wie wir iie in der griechifchen oder lateinifchen fyntax bewundern* nicht wohl gedenken. Das feiner ganzen anlage nach naive eleinent des gram ­ matischen genus bewährt lieh in unfeiner volkspoelie und in dör deutfeheh fprache des mittelalters an einem eigenthüm- lichen zug. Den dichtem genügt es nicht, leblofen gegen- Itändfen gefchlecht zu ertheilen, lie heben es durch die förmliche anrede herr und fraa zuweilen noch heraus, Wie die hafel in Volksliedern *)" frau hafelin heißt, die nachligall, frau nachtigall, fo geht in gedichten des 13* jh. häufig das grammatifche genus fcheinbar auf diefe weife in das natürliche über: her ftoc! Waith.34, 14, 22; her tacl Lf. % 712? get Ü5 her lipl MS. 9, I40 b ; her anger! MS. i, 46 b ; her hart l in einem ungedr. liede Frauenlobs der jen. hf.; her hramelorpl Biorolf 39 b , lieber min her grillel vil lieber friunt her heimel Renner 3l a (des drucks); fro bdrie Waith, 17; zuo einer hiefen fprach ein fle: frouwe in dem roten rückelin! Renner (frankf. hf. 32 b ), und in dem- Xelben gedieht rufen kegelfpielende der kugel zu: loufa hugeie frouwe, zouwe dich frouwe zouwe! (druck 59 b cod. francof. 172 b ) **), ohne daß es in dielen fällen ge ­ rade auf eine eigentliche perfonificierung der angeredeten fachen angelegt wird, die lieh aber in räthfeln, fprü- chen und kleinen fabeln daraus entwickeln kann. Das ganze hängt zufällig von nichts anderm ab, als dem grammatifchen gefchlecht folcher fubllantive. *0 z. b. in Meinerts famml. p. 29« **} IT) auch filziger bauer, fügt der dichter hinzu, der auf der kegelbahu zu der kugei höflich fraue lägt, gibt feinem vveib daheim bofe vvorte. Mau lieht daß jeue anredea wirkliche /Ute des \olkslebeus wareu*