© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 XXIII. DIE NIEDERDEUTSCHEN. Wie im Süden der schwäbische und hairische volkstamm grund- 608 läge der hochdeutschen ist im norden der sächsische die der nieder ­ deutschen spräche geworden, im osten sind die das älteste und echteste deutsch anstimmenden Gothen ausgezogen und verschollen, im westen die Franken mit dem gallischen element verschmolzen, ihre lieder untergegangen, von Chatten und Hermunduren frühe schon nach dem äuszersten nordwesten entsandte zweige scheinen wesent ­ lich zur bildung der niederländischen spräche mitgewirkt zu haben; im innern land blieb die eigenheit hessischer und thüringischer mund- art allzu schwach, es ist als ob die berschende spräche und ent ­ scheidende kraft eines groszpn volks lieber an seinen seiten als in seiner mitte sich aufthue. Da auch unter Thüringen und Hessen hochdeutsche art vorwiegt, konnte der niederdeutsche stamm von frühster zeit an dem hoch ­ deutschen nicht die wage halten, und naturgemäsz behielt dieser die Oberhand; wofür der niederdeutschen spräche ihr näherer mnschlusz an die niederländische, friesische und selbst nordische, so wie ihrer aller nichtkennen der hochdeutschen nochmaligen lautverschiebung einen haltbaren gegensatz gewährten, so unablässig die hochdeutsche mund- art vorgeschritten ist, hat sie noch bis heute diesen vereinten wider ­ stand zu bekämpfen. Meine Untersuchung hat schon in vielfachen beispielen dargethan, 609 dasz die gröszere Verwandtschaft der einzelnen Stämme durch ihre spräche bedingt ist, und die derselben mundart zugethan sind auch seit uralter zeit unmittelbar nebeneinander wohnen, es sei denn, dasz besondere anlässe, wie wir bei den Chatten und Hermundnren voraus ­ zusetzen hatten, einen strahl des Volkes voraus sprengten und ihn von dem zurückbleibenden kern absonderten. Behauptete sich nun in dem nördlichen Deutschland ununterbrochen die niederdeutsche mundart, so müssen die ihr angehörigen Völker schon so lange in