© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 II. HIRTEN UND ACKERBAUER. Hat die ansicht von den Zeitaltern grund, so musz sie noch 15 mit einem andern durchgreifenden gegensatz Zusammentreffen, den wir auf dem boden der geschichte wahrnehmen, die inenschen des stein- alters waren hirten, die des ehernen ackerleute und der milchessende riese weidete herden; bedeutungsvoll scheint die weit bekannte sage von der hünenjungfrau, die verwundert auf einen ackernden stiesz und ihn samt pflüg und rindern in der schürze als artiges Spielzeug heim ­ trug: doch der alte luine schalt und hiesz sie die erdwürmer schnell zurückbringen, deren andrange das riesengeschiecht bald werde wei ­ chen müssen. Hier sind aber riesen und menschen als verschiedne Stämme aufgefaszt, während die geschichte lehrt, dasz bei jedem ein ­ zelnen volk dem hirtenleben der ackergang nachfolge. Jenes unaufhaltsame einrückcn der Völker aus Asien in Europa setzt kühne kampflustige stamme voraus, die sich zuweilen ruhe und rast gönnten, im drang der forlbewegung von ihrer herde, jagd und beute lebten, bevor sie sich friedlichem ackerbau ergaben, müssen sie jäger hirten und krieger gewesen sein und erst auf der grundlage bei ­ der zustande konnte ein höherer aufschwung des geistes wie der sitte gedeihen, der den begabtesten und glücklichsten unter ihnen zu theil ward. Ich will ausführen wie dieser unterschied in alle Verhältnisse des 16 lebens greift. Den lapfern stand die weit offen: sie ziehen aus der heimat, wo es ihnen zu enge geworden war, von lnmgersnoth und miswachs, von feindschaft der stamme oder Wanderlust und drang nach abenteuer ge ­ trieben. das losz und der götter rath geleitet sie, vögel fliegen vor ­ aus, eine hindin zeigt die furt über den ström, ein bär oder wolf weist den pfad durch wald und gebirge. sie reisen samt frauen kin- dern verwandten freunden, vor allem heilig sind ihnen die bande der brilderschaft und das gaslreeht: in Lucians Toxaris findet man mit tref ­ fenden zügen, durch ergreifende beispiele skythischer nomaden feste treue und unerschütterlichen mut dem gesittigten aber schlaffen leben der Griechen gegenüber gestellt.