GELEITWORT Die älteste historische Wurzel der Universitätsbibliothek Kassel ist die 1580 von Landgraf Wilhelm IV. (1531-1592), genannt der Weise, gegründete Landesbiblio- thek. Wesentlich aus der Tradition der Landesbibliothek stammen die etwa 10.000 Handschriften der Bibliothek. Die Bestände der Landesbibliothek zeugen noch heute vom breit angelegten For- schungs- und Bildungsinteresse des Bibliotheksgründers und seines Nachfolgers, Landgraf Moritz (1572-1632), genannt der Gelehrte. Obwohl in späteren Jahr- hunderten manch bedeutende Bestandsmehrung zu verzeichnen ist, so ist im Kern der im vorliegenden Katalogband verzeichnete Handschriftenbestand auf die Forschertätigkeit der Landgrafen Wilhelm IV. und Moritz an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zurückzuführen. Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung der 259 Achemica-Handschriften der Universitätsbibliothek Kassel nicht hoch genug einzuschätzen. Sie stellen einen der dichtesten und reichsten Bestände überhaupt dar und lassen in ihrer Be- standsstruktur tiefe Einblicke in einen besonderen Wissens- und Forschungszu- sammenhang der letzten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts und des ersten Drittel des 17. Jahrhunderts zu. Alchemica - nicht nur die Kasseler Bestände - führten in vielen Bibliotheken über Jahrhunderte ein Schattendasein, abgesehen von einigen Zimelien wie dem Lux lucens in tenebris (Splendor solis) 2o Ms. chem 21. Dies ist umso erstaunli- cher, weil doch schon der Laie zu wissen glaubt, dass unter den Alchemisten, die auf der Suche nach dem Stein der Weisen oder künstlichem Gold waren, nicht nur Scharlatane und Aufschneider waren. Denn aus dem Experiment ergab sich ge- wissermaßen aus Versehen das eine oder andere Mal eine Erfindung, die nicht Gold, aber dafür Porzellan oder Rubinglas hervorbrachte. Die Mischung aus Phi- losophie und vormoderner Naturwissenschaft, aus Pharmaziekenntnis und Ok- kultismus macht die Alchemie noch heute für Laien und Wissenschaftshistoriker zu einem spannenden Gebiet. Über Jahrhunderte begegnete die gelehrte Welt alchemischen Schriften mit ei- nem gewissen Widerwillen. So ist beispielsweise überliefert, dass Königin Chri- stine von Schweden nach ihrer Abdankung auf dem Weg nach Rom 1654 in Ant- VII