I. Aus der Geschichte Cassels. Von Paul Heidelbach. Cassel gehört nicht zu den alten Städten. Trotzdem Hegt seine Entstehung noch im Dunkel, ln die Geschichte tritt Cassel als fränkischer Königshof, in dem Konrad I. im Jahre 918 zwei Urkunden ausstellte. Höchstwahrscheinlich hielt Kaiser Otto I. 948 an demselben Königshof eine feierliche Tagsitzung ab, und 1008 überschrieb Kaiser Heinrich II. diesen seinen Eigenhof zu Cassel dem von seiner Gemahlin Kunigunde gestifteten nahen Kloster Kaufungen. Die Lage dieses Hofes mit seinen Wirtschaftsgebäuden ist noch umstritten; ver ­ mutlich lag er in der Gegend des jetzigen Renthofes und dessen allernächster Umgebung. Seinen Namen erhielt Cassel nach dem steinernen Haus (chastella) eines sächsischen Edlen, 'as auf dem Grundstück der späteren landgräflichen Burg und des heutigen Justizpalastes »■elegen war. Der Klärung bedarf auch noch der Anfall Hessens und mit ihm Cassels an ie thüringischen Landgrafen. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts erhielt dann Cassel Stadt- *ccht und damit seine Mauern, unter deren Schutz sich Handel und Wohlstand der Bürger «ntwickeln konnten. Als dann 1247 der Mannesstamm der Landgrafen von Thüringen er ­ loschen war, wurde Heinrich 1. .'US Brabanter Stamm, ein Enkel der heiligen Elisabeth, als irster Landgraf von Hessen anerkannt. Er machte Cassel zu seiner Residenz und legte um 277 den Grund zu einem neuen Schloß, das fast zwei Jahrhunderte hindurch als Residenz iente. Die dem hl. Cyriakus geweihte älteste Kirche der kleinen Stadt lag auf dem Mar- täller Platz. Noch heute zeigt uns der Graben den Lauf der damaligen Stadtmauer, die ich vom Schloß bis oberhalb des Brinks und von da bis zum späteren Packhof hinabzog nd durch drei Tore, am Weißen Hof, jn der Mitte der Marktgasse und am Steinweg, unter ­ rochen war. Das schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts gegründete Ahnaberger Kloster nd das zu Ende des 13. Jahrhunderts errichtete Elisabethhospital lagen also noch außer ­ alb der Stadt. Um dieselbe Zeit erhob sich in unmittelbarer Nähe des Schlosses eine iederlassung der Karmeliter, deren Siedlung stetig zunahm, wenn auch ihr Gotteshaus, die ilrüderkirche, erst 1376 vollendet wurde. Außer der Cyriakuskirche war auf dem rechten 'uldaufer, wo die erste größere Ausdehnung der Stadt vor sich ging, noch unter Heinrich I. ine zweite Pfarrkirche entstanden. Diese in der Spätgotik umgebaute Magdalenenkirche auf sm jetzigen Holzmarkt, über deren Hochaltar die Wogen der. großen Wasserflut von 1842 nweggingen, fiel erst 1788 dem Bau der neuen Fuldabrücke zum Opfer. Landgraf Heinrich II., der Eiserne, der auch den Grund zu der 1343 zuerst erwähnten Martinskirche legte, erweiterte Cassel um die sogenannte „Freiheit“. Sie umfaßte zwischen aben und Oberster Gasse einerseits und zwischen Steinweg und Marktgasse andererseits ht neue Quartiere als Obergemeincje der neuen Stadt, während die Untergemeinde noch vier »itere, auf Brink und Pferdemarkt stoßende Quartiere enthielt. Nun war auch das Elisabeth ­ spital, in dessen Nähe jetzt das Zwehrentor gelegt wurde, in die Stadtmauer mit einbezogen, ssel bestand jetzt aus drei getrennten Stadtgemeinden, deren jede ihr eigenes Gotteshaus, thaus und Schule hatten. Aber schon bald sehen wir alle drei Städte sich zu kommunaler heit verbinden. Die Auflehnung der Bürger gegen das Zollrecht der Landgrafen ver- htete jedoch unter Landgraf Hermann dem Gelehrten die Selbständigkeit Cassels, das fortab landgräfliche Residenz den eigenen Willen demjenigen des Landgrafen unterzuordnen tte. Hermanns Nachfolger Ludwig der Friedfertige berief die Kogelherren nach Cassel, |nen er den Weißen Hof überließ. Dem Einfluß dieser klösterlichen Genossenschaft, an die ch das Steinrelief „Marien Elend“ am Eckhaus des Brink erinnert, war es zuzuschreiben, ß in der folgenden Zeit Cassels Bürgersöhne sich als tüchtige Geschäftsmänner und Ge- irte hervortaten. Von demselben Fürsten rührten das erst 1837 abgebrochene Altstädter thaus (1408), der Druselturm (1415) und der Stadtbau (1421) her. Die Einführung der Formation in Hessen durch Philipp den Großmütigen besiegelte auch das Schicksal des inaberger- und Karmeliterklosters, des Weißen Hofes wie der Cyriakuskirche. Die drei liulen der Altstadt, Neustadt (Unterneustadt) und Freiheit wurden als Pädagogium oder e-seler Stadtschule, die auch zum akademischen Studium vorbereitete, im jetzt ver- hwundenen Kreuzgang der Martinskirche vereint. Aber schon bald war eine sogenannte rutsche Schule“ nötig, die über dem Tor der Fuldabrücke ihren luftigen Sitz erhielt. In eser Zeit hat das Stadtbild starke Veränderungen erfahren. 1521 legte ein in der Müller- issc ausgebrochener Brand über dreihundert Häuser in Asche. Hand in Hand mit de lederaufbau ging eine gewaltige Befestigung der Stadt. Kaum aber war das Werk idet, als nach der treulosen Gefangennahme Philipps durch Karl V. die Schleife erke vollzogen und alle Geschütze abgeführt wurden. Fünf Jahre schmachtete n schmählicher Gefangenschaft zu Mecheln, und erst an einem Septembersonnte' 552 konnte er ergrauten Hauptes wieder in seine Residenz einziehen, derer