4 Aus der Geschichte Cassels. — Sehenswürdigkeiten, Theater, Konzerte. Teil I. hofer 1828 noch den „Neuen Wasserfall“ folgen. Das Französsische Interregnum (1807—1813) hat auf Wilhelmshöhe eigentlich mehr zerstört als geschaffen. Nur das dem Schloß nördlich vorgelagerter Theater, ein Werk Leo von Klenzes, des Erbauers der Münchener Glyptothek, stammt aus dieser Zeit. Die Orgien, die der lebenslustige König im Schloß und Park zu Wilhemshöhe feierte, sind hinlänglich verbürgt, während die sattsam bekannte Gespenster ­ erscheinung in der Löwenburg neuerdings eine ziemlich prosaische Erklärung gefunden hat. (Näheres darüber in meiner „Geschichte der Wilhelmshöhe“.) Nach der Okkupation des Kurfürstentums Hessen durch Preußen 1866 verließ Hessens letzter Kurfürst tränenden Auges die Freitreppe seines Wilhelmshöher Schlosses, das er nie Wiedersehen sollte, um als Kriegsgefangener nach Stettin abgeführt zu werden. Vier Jahre später weilte Napolion .III., nachdem er bei Sedan „den Tod gesucht, aber nicht gefunden“ hatte, als Gefangener über sechs Monate auf diesem Fürstensitz in großer Abgeschiedenheit, die nur selten, z. B. durch den Besuch der Exkaiserin Eugenie, unterbrochen wurde. Aber ­ mals acht Jahre später suchte und fand der Singer von Sedan hier oben in dieser Waldes ­ luft die Erholung, die ihm nach schmachvollen Attentaten noch ein Jahrzehnt an Lebens ­ jahren schenken sollte. Fast ein Menschenalter hindurch war Wilhelmshöhe Kaiserliche Sommerresidenz, und alljährlich im August peflgte sich Kaiser Wilhelm II. im Wilhelmshüher Schloß, das ihm seit seiner Gymnasia'stenzeit in Cassel lieb geworden war, nach der Nord ­ landreise auf einige Wochen mit seiner Familie aufzuhalten. Im ereignisreichen Sommer des Jahres 1914 wurde die Hofhaltung der Kaiserin kurz vor der Mobilmachung vorzeitig aufgehoben, und im Sommer 1916 noch einmal den gewohnten Einzug in die Schloßräume zu halten. Im Revolutionsjahr 1918 sank dann auch hier die Purpurstandartd zu Boden. Nicht nur Schätze der Kunst, sondern auch unvergleichliche Naturschönheiten vermag Cassel, im Herzen Deutschlands gelegen, Einheimischen wie Fremden zu bieten. Zudem genießt es den Ruf, eine der gesündesten Städte zu sein. Diese und andere Vorzüge werden ihm auch weiterhin eine gedeihliche Entwickelung sichern. Wie wir schon sahen, wurde Cassel am 18. Februar 913 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, und aus diesem Anlaß hat es in den Tagen vom 26. bis 30. September eine glanz ­ volle Tausendjahrfeier begangen, die noch lange in der Erinnerung derer, die sie miterlebt haben, fortdauern wird. Möge das bei diesem Feste zu Tage getretene starke Gefühl der bürgerlichen Zrsammengehörigkeit als gutes Omen auch für die folgende Zeit ihre Nach ­ wirkung verspüren lassen und unserer Stadt auch im zweiten Jahrtausend ihrer Geschichte eine aufsteigende Entwickelung verbürgen. Nach 44 jähriger Friedenszeit erlebte auch die Residenz im Fuldatal beim Ausbruch des Weltkrieges Tage der herrlichsten Erhebung und einen schimmernden Abglanz der Ein ­ mütigkeit, die unser ganzes deutsches Vaterland beseelte. Sechs Jahre ungeheuren Geschehens sind seitdem auch an der Stadt Cassel vorübergerauscht; nach den verhängnisvollen Folgen des Krieges blieb auch ihr der Bürgerkrieg in den eigenen Mauern nicht erspart. Noch nie zuvor sah Cassel eine derartige Umgestaltung des wirtschaftlichen Lebens: noch nie solche Schwierigkeiten in der Lebensmittelbeschaffung, noch nie eine derart beispiellose Teuerung. Trotz alledem wollen wir auch weiterhin voll Vertrauen der Zukunft entgegenblicken, was uns auch immer die nächsten Jahre bringen mögen. Paul Heidelbach. Sehenswürdigkeiten, Theater, Konzert. Gemälde-Galerie, geöffnet bei freiem Eintritt im Sommer: Sonntag von 11—1 Uhr, Wochentags von 10—1 Uhr, Montags und Donnerstags 3—5 Uhr. Im Winter: Sonntag von 11—1 Uhr, “Wochentags von 10—1 Uhr. Außerdem zugänglich durch den Kastellan. Direktor: Dr. Gronau. Erbaut 1871—77. Museen. a) Museum Fridericianum (He s si sehe s L a n d es m us e um), am Wilhelmshöher Platz 5. Erbaut 1911—1913 von Th. Fischer. Antike Skulpturen, Bronzen und Vasen, Landesgeschichtliche und kunstgewerbliche Altertümer) Sammlung alter mathematischer, physikalischer und astronomi ­ sche Instrumente. — Mit den Staatlichen Sammlungen sind in der Stadt Cassel und der Gewerbehalle vereinigt. Direktor: Geh. Reg.-Rat Dr. J. Boehlau. Direktorial assistent: Dr. W. Berrer. Sekretär: Krapp, auftragsweise. Hilfsrestaurator: Rudloff. Aufseher: Heeger, Lotz, Sentz, und Gelbke. Heizer: Brethaher. — Zu den Sammlungen des Museums gehören: Sammlung von Gipsabgüssen antiker, mittelalterlicher und neuzeitlicher Skulpturen im Erdgeschoß der Gemäldegalerie. Direktor: Dr. J. Boehlau. — Geöffnet bei freiem Eintritt. b) Naturalienmuseum und ethnographische Sammlung. Im Kunsthause, Steinweg 2. Vorsteher: Studienrat Kunze.