Teil I. Aus der Geschichte Cassels, B 1* Uber das Casseler Leben und Treiben in der Mitte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts entwirft Otto Bähr in seinem hübschen Buch „Eine deutsche Stadt vor 00 Jahren“ ein außerordentlich orientierendes Bild. Cassel zählte damals etwa 25 000 Einwohner, während es (KJ Jahre später deren 64 000 umfaßte. Eine bedeutende Erweiterung erfuhr die Stadtim Laufe der 30er Jahre nach dem Westen hin, über die alte Stadtmauer hinaus. Diese, z. B. noch am alten Totenhof und in der Mauerstraße erhalten, lief an der heutigen Wolfsschlucht entlang nach der Garde du Korps-Kaserne hin. Noch 1837 stand am heutigen Ständeplatz außer dem Schwarzenbergschen Hause nur das im Jahre zuvor eingerichtete Ständehaus. Und wie hat sich seitdem der Schwerpunkt des städtischen Getriebes nach dieser Seite hin ver ­ schoben ! Immer mehr zeigte sich das Bestreben, aus der Altstadt in die neue Gegend überzusiedeln. Kaufmannsläden wagte man freilich erst in sehr geringem Maße in der Ober ­ neustadt anzulegen, schüttelte man doch noch allgemein den Kopf, als im Jahre 1837 ein Modewarengeschäft vom Schloßplatz nach der oberen Königsstraße verlegt werden sollte. Der Grüne Weg mit seinen angrenzenden Straßen verdankte allerdings erst dem 1852 errichteten Bahnhof seine Entstehung. Handel und Industrie, die während der 20er Jahre sehr darniederlagen, begannen sich wieder zu heben, seitdem Kurhessen 1831 dem Zollverein beigetreten war, obgleich auch Kurfürst Friedrich Wilhelm gegen das Fabrikwesen sich recht ablehnend verhielt, sodaß die Industrieentwickelung in Kurhessen hinter der anderer Länder doch zurückblieb. Aber die kleinen dunklen Kaufmannsläden verschwanden immer mehr und machten hier und da bereits stattlichen Magazinen Platz. Auch die Gasthäuser traten aus ihren dunklen Verstecken hervor. Vor etwa 60 Jahren gab es 196 Kaufleute, die offene Verkaufsläden hielten; man vergleiche damit die Zahl der heutigen Kaufläden und vor allem deren äußere Ausstattung! Die Königs-, Wilhelms- und HohenzoHernstraße — um nur einige herauszuheben — zeigen namentlich um die Mittags- und Abendzeit einen durchaus großstädtischen Charakter. Die Stadt selbst hat sich nach Einverleibung einer Reihe von Vororten nicht nur nach dem Westen, sondern neuerdings auch nach den anderen Himmelsrichtungen hin in früher ungeahntem Maße aus ­ gedehnt, und ganze Straßenzüge sind im Laufe der letzten Jahrzehnte aus dem Boden gewachsen. Prachtbauten, wie die Murhardsche Bibliothek und das neue Rathaus, geben der Stadt ein völlig neues Gepräge. Die Zahl der Einwohner, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 10 000, im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts 19 000, hundert Jahre später 25 000, im Jahre 1880 rund 58 000, 1890 rund 69 000, 1900 101 000 betrug, hat jetzt 160 000 nahezu erreicht. Und wer kann sagen, welcher Zuwachs noch in fernen Zeiten unserm alten Druselturm zu schauen bestimmt ist? Landgraf Wilhelm VIII., der Gründer der weltbekannten Casseler Gemäldegalerie, schuf sich auch das einige Stunden von Cassel gelegene Lustschloß Wilhelmsthal, anerkannter ­ maßen das reizendste Rokokoschlößchen, das Deutschland aufzuweisen hat. Am 14. Juli 1753 wurde in feierlicher Weise der Grundstein zum Mittelbau gelegt, der durch den Baumeister Charles du Ry errichtet wurde. Ganz vollendet wurde das Schloß mit äußerer und innerer Einrichtung erst 1767, da die Wirren des siebenjährigen Krieges hindernd dazwischen kamen. Fand doch auch bei Wilhelmsthal selbst am 24. Juni 1762 eine blutige Schlacht statt, in der auf beiden Seiten gegen 8000 Tote auf dem Platze blieben, die teils im Park an der Mauer, teils an einem kleinen Teiche in Massengräbern beigesetzt wurden. Herzog Ferdinand von Braunschweig, der sein Hauptquartier auch während der folgenden Wochen im Schloß behielt, bewies den gefangenen französischen Offizieren großen Edelmut, bewirtete sie im Schloß und beschenkte sie mit goldenen Uhren, Brillantringen und anderen Kostbarkeiten. Bekanntlich hat sich auch König Jeröme Napoleon gern in diesem Schlößchen aufgehalten, noch mehr aber seine Gemahlin, derzuliebe es in westfälischer Zeit Katharinenthal genannt wurde. Die Hauptschöpfung der hessischen Fürsten aber bleibt die Wilhelmshöhe, die im Verlauf von fast 800 Jahren entstand und noch heute unerreicht dasteht. „Ganz Deutschland, vielleicht ganz Europa bietet nichts Herrlicheres“, gestand der Philosoph Weber von diesem herrlichen Fürstensitz. Es ist historischer Boden, auf dem wir hier wandeln, und hier, wenn irgendwo, werden wir der Wandelbarkeit des Schicksals inne. An Stelle des nach nahezu 400jährigem Bestand von Landgraf Philipp aufgelösten Augustinerklosters Weißenstein ließ Landgraf Moritz von Hessen sich 1606 ein Lustschloß erbauen, in dem er seine Jagdgenossen traktierte und sich in gewollter Einsamkeit seinen poetischen Neigungen hingaK Er begann auch bereits mit nicht unbedeutenden Anlagen, die aber bald wieder verfielen. Erst 100 Jahre später war es seinem Urenkel Karl besehieden, einen weiteren, und zwar den bedeutendsten Markstein der Wilhelmshöher Schöpfungsgeschichte zu setzen. Das unter ihm durch den italienischen Architekten Francesco Guerniero erbaute Oktogon mit der von dem Augsburger Goldschmied Anthoni gegossenen Herkulesstatue — sie ist 9,25 m hoch, hat eine Taillenweite von 5 m, einen Umfang des Handgelenks von 1 m, der Wade von 2,10 m — drückten der ganzen Anlage ihr charakteristisches Gepräge auf und waren der Ausgangspunkt für alles, w as auch im vorvorigen Jahrhundert noch im großen Stil hier oben geschaffen wurde. Im Jahre 1917 werden 200 Jahre verflossen sein, seit der farnesische Riese, gleichsam als Wahr ­ zeichen der ihm zu Füßen liegenden Residenzstadt, auf die hessischen Lande herabblickt. Im siebenjährigen Krieg wurden die Kaskaden wiederholt der Schauplatz blutiger Scharmützel, und Landgraf Friedrich II. mußte große Geldmittel zu ihrer Wiederherstellung aufwenden.