Ni 159» Kassel/ Feuilleton d e s Westph ä l i schen Sonnabend den 1-7-Noven.der oder Supplement Moniteurs. Kassel. ^Ote Fränkischen Stiftungen in Halle sind berühmt; weniger bekannt dürfte vielen unserer Leser ihre Entstehungs-Geschichte seyn. Beinahe zu- gleich mit de» Gründung der Universität zu Halle trat Aug. Hcrm. Franke (geb. zu Lübeck 1663) daselbst auf. Als Kind und Jüngling war er in Gor tha unter dem Einfluß der dortigen Schulverbesserunr gen erzogen. Ohne Ahndung von dem, was aus feir nen kleinen und schwachen Anfängen hervorgehen würr de, fing er noch am Abend des i7ten Jahrhunderts mit dem Katechisiren armer Kinder an. Er fühlte ler bendig, daß die Jugendbildung zu verbessern sey, wenn es überhaupt besser werden solle, daß aber um dieJugcnd besser zu erziehen, vor allen Dingen brauch ­ bare Lehrer und Erzieher gebildet werden müßten. Je ­ der Aufschub erschien ihm als Zeitverlust. Jahr für Jahr blühete unter seiner Aussaat eine neue Anstalt für Kinder, für Jünglinge und für Lehrer aus allen Ständen und für alle Stände auf. De» Name, den das Ganze erhielt (Waisenhaus) war nur die rich ­ tige Benennung für die erste. Für die großen Schu ­ len für Söhne und Töchter, für Bürger und Studt, rende, für Mittelstand und Adel, in welche und aus welchen Tausende strömten, sagte der Name viel zu wenig; aber er war ein schönes Siegel der Bescheiden ­ heit dcS Stifters. Hunderte von Lehrern, welche m Frankens Anstalten gebildet und geübt wurden, und wie zur neugestifteten Universität, so auch zu ihm, -Hum Theil durch den kleinen Gewinn gelockt, zusam ­ menflössen, verbreiteten durch ganz Deutschland, was sie gesehen hatten, und was sonst in dieser Art und Ausdehnung nirgends zu finden war. Zunächst pflanz ­ te sich der Ton, die Manier und Sprache, durch die Bessern auch der Geist der Erziehung fort Auch die Schlechteren, die Heuchler, fanden ein Interesse bei der Verbreitung: denn der damalige preußische Re ­ gent, Friedrich Wilhelm 1, schätzte Franken per ­ sönlich und beförderte, nicht ohne die Eifersucht An ­ derer, die sonst allen Einfluß hatten, Alle, die aus dieser Schule hervorgingen. So entstanden bald nahe und ferne nachahmende Institute in größer,, und klei ­ nern Schulen Deutschlands. Die Vorsteher einiger der angesehensten waren Frankens oder seiner Nach ­ folger eng verbundene Freunde. Eine Reise, dle er, zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, durch eincv großen Theil des Vaterlandes machte (im I. 1717), gewann ihm deren noch mehrere. .An Volks- und Gelehrte,rfchule» gingen die Grundsätze der Fränki ­ schen Schule, reiner und gemischter, über. Die mei ­ sten neuen Schulanstalten oder Verbesserungen wurden mehr oder weniger nach Fränkischen gebildet. Man stiftete, wie er, wenn gleich im Kleinen, Waisenhäu ­ ser, Armenschulcn, Bürgerschulen, Gynäceen und Pädagogia. Manche sind schon wieder untergeaanr gen; manche (Züllichau, Buuzlan, Potsdam, Ber ­ lin, Königsberg u. a. m.) dauern noch fort. Aus eben diesem Stamme trieb ein Sprößling her ­ vor, der in der Folge abgesenkt, zum starken Baum geworden ist, und seine Wurzeln noch viel weiter als der Stamm verbreitet hat.. Eü ward nämlich Zin- zendorf unter Frankens Augen im Pädagogium er ­ zogen; er sah ein Haus nach dem andern, eine An ­ stalt nach der andern entstehen. Auch in ihm erwachte frühe der Eifer für Religion und zugleich Anstalten- Geist. Wer die Verfassung der Brüdergemeinden kennt, kann auch die Aehnlichkeit in der ErziehuugS- und Unterrichtsmethode mit der alten hallischcn nicht verkennen. Im Jahr 1727 endigte Franke sein wohlthätiges Leben. Seine nächsten Nachfolger waren zwar nicht die Erben seines unternehmenden Geistes, aber doch seiner Grundsätze und seines Eifere. Die Stiftungen erweiterten sich unter ihnen, und die Mcnfchcnzahl, weiche darin lehrte und lernte, nahm, nicht gerade zu ihrem Vortheil, außerordentlich zu. Indessen beseelte bei weitem nicht Alle, die sich an die Schule anschlös ­ sen, ein reiner Sinn. Darum mehrte sich die Zahl der Heuchler, und der Name der Pietisten ward ver, haßter; jetzt weniger als Name einer Sekte, die in der Lehre irren; mehr als Charakter von Leuten, die mit Gottseligkeit Gewerbe trieben, und die stille Tugend, die nich ihre Sprache führte, lästerten. Indeß hatten diese widrigen Urtheile keinen Einfluß auf die Frequenz der Schulen. Erklärte Gegner des Pietismus schickten dennoch ihre Kinder gern nach Halle, weil sie den Un ­ terricht für gründlich hielten und die AmtStrcue einzel ­ ner Vorsteher kannten. Sv wurden diese mit Zöglin» gen überladen. Verladung aber schadet immer. Groß 319