( 1175 ) Vernunft anpassen und die Religion wieder zu einer größeren Einfachheit zurückzuführen versuchen: so dür ­ fen wir nicht allein eine höhere Bildung unserer Ge ­ nossen, sondern auch mit Zuversicht einen Vortheil er ­ warten, auf welchen ich schon oben hinwies, und zu dem ich erst nach dieser Abschweifung wieder zurück ­ kehren kann: daß diese Vervollkommnung zugleich das herrlichste Mittel seyn wird, uns unsern christlichen Glaubens-Nachbare» zu nähern. Nur der gemein ­ schaftliche Fortschritt zum Besseren, zum letzten Ziele der Vernunft wird zwei verschieden denkende Parlhei- en — wenn auch nicht zur Gemeinschaft, aber doch zum Naherseyn leiten; nur die Vernunft mit ihren ewigen Grundsätzen ist das Einzige, worin zuletzt die abweichendsten Partheien, die ungläubigsten Sekten, die weit entlegensten Völker übercinlreffen müssen. Eine reinere Gottesverchruug also, entfernt gehalten von jeder leidenschaftlichen Verketzcruugssuchr, von jedem einschränkenden Glanbenszwange, durch Aufklärung und Sittenlehre empfohlen, nur in den wichtigsten Punkten aller besseren Gotteslehrcn, in dem Glauben an Gott, an seine Heiligkeit, höchste Vollkommenheit und vorzüglich an seine Einheit die Hauptsache eines religiösen Glaubens suchend, und über den Dogmen nicht den letzten Zweck aller Gortesverehrung, die praktische Veredlung der Herzen, die willigeAusübung der Menschenpflichren versäumend.... eine solche Rer ligionöübung und Religionsläuterung schien mir beson ­ ders wichtig zur Förderung jener großen Absichten, jur Wegschaffung der alten Feindschaft zwischen beiden Sek ­ ten zu seyn. Nur dieses wird neue schönercBande knüpfen und neue Verhältnisse einführen, wird beide Partheien in ihren einzelnen Gliedern nur den Menschen, nicht den Genoss.n einer Religion sehen lassen. Za, meine Freunde, daß die Bekenner eines verschiedenen Glau ­ bens hier nur zu einem gemeinschaftlichen Gott'be ­ ten, daß sie sich zu denselben großen Bruder-Pflichten verbinden, daß sie fast in allen Grundsätzen, die hier gelehrt, in den heiligen Liedern, die hier gesungen, in den Gebeten, welche von dem dollen Herzen ausge ­ strömt werden, friedlich zusammenstimmen, daß sie in diesem einfachen, bilderlosen Heiligthnm' lernen, das Wesen der Gottesverehrung nicht in sinnlichen Zei ­ chen, sondern in der Reinheit deS Herzens zu suchen, und jtch hier gemeinsam in den edlen Vorsätzen betraf, tigen, die uns schon Micha zuruft: „Er hat's dir ja schon kund gethan, o Mensch! was ihm gefällt und was er von dir verlangt: Gerechtigkeit üben, Liebe zur Tugend und bescheiden vor dem Ewigen wandeln ! 11 dieser Zweck ist zu edel, zu rein, alS daß ich selbst den starrsinnigsten Eiferer für seinen Glauben darüber ein bedenkliches oder gar ein liebloses Achselzucken zutrauen sollte. Ich kenne kein höheres Ziel für den Menschen, als eben dieses: Duldung und sanfte Eintracht der Herzen; cs ist die glückliche Zeit, in welcher ein neues Paradies, die Morgenröthe eines besseren Eden über einer edleren Menschheit aufgehen wird. Hochbelebt und dankend der Vorsicht für ein Ercigniß, welches Jahrtausenden vielleicht nicht festlicher unfern zcsteeu- rcn Geuossen erschien, laßt uns an dem heutigen Tage besonders unsere höher gestimmten Herzen diesen schö ­ neren Vorsätzen ergeben. Heute zum erstenmale hat uns die Güte des Ewigen in einen würdigern Tempel zur öffentlichen Andacht berufen; o heute vor allem laßt uns eine Gesinnung erschwingen; welche große Früchte für die Nachwelt, für die Ewigkeit trage. Mit heiliger, schauerlich-froher Erinnerung laßt uns zurück ­ wandern in dir Geschichte der Vorwelt, und, was dort Salomos Tempel für unsere ganze Völkerschaft war, in einem kleinen, schwachen Nachbilde hier schauen; aber nicht schauen allein, sondern mit hohem, ern ­ stem Gefühle laßt uns zugleich dem gekrönten Weisen nachrufen: „Wenn auch ein Fremder, der nicht dei ­ nes Volkes Israel ist, kommt aus fernem Laude, um deines Namens willen, und kommt, daß er bete vor diesem Hause: so wollest du hören im Himmel, im Eitze deiner Wohnung, und thun alles, warum der Fremde dich anruft; damit alle Völker auf Erden dei ­ nen Namen erkennen, daß auch sie dich fürchten, wie dein Volk Israel; und daß sie innewerden, dieses Haus, das ich gcbauct habe, sey nach deinem Namen gebauet" (i. B. der Kön. 8, 41 — 45). Seht hier! diese Empfindungen, diese reinen, die ganze^ Menschheit umfassenden Grundsätze sind nicht unerhört; sind unserm jüdischen Glauben nicht fremd; sie liegen schon in unseren heiligen Urkunden; und wir, die Genossen eines so aufgeklarten Jahrhunderte, soll ­ ten uns beschämen lassen von dem fernen Genossen der grauen, längst verschwundenen Vorwelt? Nein, meine Brüder, Salomo soll uns auch hierin Muster seyn, wie er unserm ganzen Lebenswandel mit so manchem herrlichen Sittenspruchc vorgeht, und seine wessen, königlich großen Lehren sollen wieder mit diesem Tem ­ pe^ aufleben. Zwar wohnt Gott nicht in Tempeln, von Menschen ­ händen gemacht. Sein Thron ist das Weltall, fein Wohnsitz die ganze Natur, und jeder Winkel der Erde, jeder einsame Ort unsers Hauses, selbst jebe Trefe des Erdballes ist zur Andacht vor einem Wesen geeignet, das alles durchdringt, alles erkennt und durchschauet. Einen reinen Geist können Prachthäuser.weder ein ­ schließen noch ehren; erhaben über die Leiden ­ schaften irdischer Fürsten, kaun er uns solche Tcmpet nicht wegen seiner Bedürfnisse zu geweihclcn Sitzen der gemeinschaftlichen Andacht anweisen. Nur t die 20L* /