Text: Den Inhalt bildet die dem Bischof Victor von Capua (um 546) zugeschriebene latei- nische Übersetzun-g der sogen.Tatian-Evangelienharmonie (Diatessaron), die wahrschein- lich urprünglich syrisch, dann griechisch von einem unbekannten Autor verfaßt wurde und durch ihre teils interlineare teils freie Verdeutschung im 9. Jahrhundert (vielleicht vom Fuldaer Abt Hrabanus mit Hilfe mehrerer Mitarbeiter) und als Quelle des Heliand für die deutsche Literaturgeschichte besondere Bedeutung gewonnen hat. B111 mit Titel: LIBER VICTORIS EPI[sc0pi] CAPVAN[ae]fECCL[esiae]. Bl. 2 bis 5 r: Canones-Tafel. Bl. 6T: Incipit Praefatio Uictoris Epi [scopi] Capuanlae] eccl[esiae]. Bl. 7 v: Incipiunt Capitula ( 184) und der kürzere Conspectus Canonum, am Schlusse die Anmerkung: Vbi e[st] Marcus. Lucas. Joh[annes]. Vbi e[st] Marcus. Joh[annes]. (Vgl. dazu Schmellers Tatian-Ausg. 1841, S. V.) Bl.11P bis 78 F: Text der Evangelienharmonie mit Angabe der betr. Evangelien (Mt. Mr. Lc. Jo.) und der Stellen-(Zahlen-)Zitate am Rande, schließt Bl. 78 1': Et p[ro]fecti p[rae] dicauerlunt] ubi[que]. D[omi]no cooperante et sermone[m] confir- mante, sequentib[us] signis. Beigab en: 1. Bl. 78 v bis 79 v: Hieronimus Damaso papae: zwei Briefe des Hieronymus an Damasus und von Eusebius an Carpianus über die Evangelienharmonie. 2. Bl. 79 v, Zeile 27 beginnend: Matheus instituit . . . acht Hexameter über die Evangelisten mit dem Zusatz: Xristus passus ut leo. Occisus si-clut] uitulus. Mortuus homo. Surrexlit] sic[ut] aquila. 3. Bl. 79 v bis 83 v: Erklärung biblischer Worte aus Matthäus (Bl. 80 P bis 82 P), Marcus (Bl. 82 F bis 82 v) und Lucas (Bl. 82 v bis 83 v) mit testimonia. Entstehung: Da die Stammhandschrift aller lateinischen Tatiancodices zu den besonderen Selten- heiten der Fuldaer Landesbibliothek gehört, der Cassellanus, wie wir weiter unten'sehen werden, ebenfalls aus Fulda herübergebracht wurde, außerdem in seiner Textgestaltung zusammen mit dem Münchener Codex dem Fuldensis sehr eng verwandt ist, so liegt der Schluß nahe, daß es sich um eine in Fulda gegen Ende des 9. Jahrhunderts oder vielleicht auch noch etwas später hergestellte Abschrift handelt, die wie Grein nachwies, hauptsäch- lich nur in der Kapiteleinteilung, in den Überschriften und Zitaten abweicht, außerdem in einer beachtlichen Stelle Cap. CLXXVI (et occurrit ut tangeret cum), die im Fuldensis und Sangallensis (1841 von Schmeller hrsg.), aber auch in den Evangelien fehlt, nach Grein aber vom Helianddichter benutzt wurde. Die Datierung ins 9. Jahrhundert ist auch von dem Herausgeber des Fuldensis, E. Ranke, anerkannt. Neuerdings ist allerdings von Vogels die direkte Abschrift des Kasseler Codex von dem Fuldaer Original bestritten und Ab- hängigkeit von einer bereits früher erfolgten Umarbeitung dieses Originals angenommen worden. Geschichte: Der Codex ist, nachdem ihn E. Ranke bei der Herausgabe seines Codex Fuldensis (1868, S. XII) nur kurz erwähnt hatte, zuerst von C. W. M. Grein, der Ende der fünfziger Jahre Assistent an der Landesbibliothek war, bei seinem Quellenstudium zum Heliand untersucht und 1869 veröffentlicht worden. Ob die von ihm S. 129 verfochtene These rich- tig ist, daß der vom Helianddichter benutzte Tatiancodex dem Cassellanus näher stand als