Geschichte und philologtische Bedeutung: Nach einem Katalogvermerk Jakob Grimms hat F. Oudendorp für seine Ausgabe Leiden 1728 die Handschrift nicht benutzt (hoc codice Oudendorpius non est usus). Es ist aber nicht unwahrscheinlich, daß er sie gekannt hat. Nach der Vorrede an den Leser hat er allerdings nur einige ihm vom Utrechter Professor Arnold Drakenborch mitgeteilte und vom Bibliothekar Joh.Herm.Schmincke verglichene Varianten eines „Marpurgensis bonae notae codicis" (in membranis) herangezogen. Es ist anzunehmen, daß Schmincke bei dieser Gelegenheit, da er ja schon seit 1722 Bibliothekar in Kassel war, auch auf den Kasseler Codex aufmerksam machte, wie er ja auch dem Leipziger Professor Gottlieb Korte, der sich auch für den Kasseler Cicero und Josephus interessierte, für die von die- sem geplante neue Lucan-Ausgabe die verschiedenen Lesarten übermittelte, welche Nach- richt wir seinem Sohn F. Chr. Schmincke (Versuch 1767 S. 208) verdanken. Bei Hirsching (II, 2. S. 246) wird die Handschrift erwähnt. Ausführlich beschrieben und gewürdigt wurde sie dann erstmalig von Karl Friedrich Weber in seiner Ausgabe 1831. (Bd. 3. S. X.) Trotzdem Lucan schon im Altertum für einen blenderischen Schönredner galt, der nur Geschichte in elegante Verse zu bringen wußte, ist die Nachwirkung bis zu den großen Geistern des Mittelalters (Dante) und des Humanismus, ja bis in die neueste Zeit eine starke gewesen, preist doch Herm. Kurz sein Werk als wundersam modern, das mit Schil- lers historischem Stil große Ähnlichkeit habe (vgl. Philologus 53, 1899, 8.477). Dieses lebendige Fortleben zeigt sich auch in den mehr als 150 Lucan-Handschriften, von denen wir wissen. Unter ihnen nimmt die Kasseler textlich keine besondere Rolle ein. Immer- hin ist sie in den maßgebenden wissenschaftlichen Ausgaben von Hosius und Francken be- rücksichtigt worden. Housman, der nur eine enge Auswahl als Grundlage benutzt, zieht sie nicht heran, für ihn figuriert sie wohl unter den alii codices, praesertim recentiores (vgl. S. XXXVI). Über das Stammbaum-Verhältnis der Kasseler Handschrift im Rahmen der für die Edition sonst hauptsächlich herangezogenen Manuskripte vgl. Hosius (1. Aufl. 1892, S. VI, XVI u. entspr. in der 2. Aufl. 1905 u. 3. Aufl. 1913) Francken (I. S. XXXV u. Il, S.VII. XIV.) und Beck S. 3. 45. Herkunft: Als einziger Anhaltspunkt findet sich auf Bl. 130 v am äußersten Innenrand die Zeile: (j. äi gTä fuldn eccie abbas vilico suo in bigincheim sat z OI-I-le bonü (gemeint ist wohl ßigenheim, Bingenheim). Welcher Fuldaer Abt Conrad (Cuno) freilich gemeint ist, läßt sich nicht feststellen, da mehrere dieses Namens vorkommen. P. Lehmann, der diesen Ver- merk bei E. Thomas, Essai sur Servius, supplement (Paris 1879) p. XIII fand, nahm da- nach die Fuldaer Herkunft aus der alten Benediktinerbibliothek an. (Vgl. Lehmann, Johannes Sichardus S. 114 und Fuldaer Festschrift S. 13.) Möglichkeiten der Bestätigung bieten sich auch bei Kindlinger S. 78 [Rep. 9. ord. 1. Nr. 4] und S. 82 lRep. 10. ord. 1. Nr. 7]. Vielleicht gelingt es sicheren Aufschluß zu gewinnen durch ein von Carl Christ im Pal. lat. 1928 zu Rom entdecktes Fuldaer Handschriftenverzeichnis des 16. Jahrhunderts, das zu- gleich die Anfangs- und Schlußworte der Codices enthält und damit ziemlich untrügliche Vergleichsmöglichkeiten bietet. Ich begnüge mich daher mit einem Hinweis auf die zu erwartende Veröffentlichung Christs über die von ihm erreichten Ergebnisse. Literatur: Ausg. Marci Annaei Lucani Pharsalia cum notis quibus varias lectiones et indices addidit Carol. Fred. Weber. vol. 1-3. Lipsiae: 1821-31. Marci Annaei Lucani de bello civili libri X G. Steinharti aliorumque copiis usus ed. C. Hosius. Lipsiae: 11892. 21905. 31913. 1')