sind die eingeschobenen Zusätze und erklärenden Interpolationen eingefügt, unter ihnen linden sich (nach Schmitz) eine Anzahl teils gelungener, teils verfehlter Verbesserungs- versuche. Da zahlreiche nachträgliche Einträge zwischen den Zeilen und auf dem freien Raum neben ihnen von der ersten Hand herrühren, hat offenbar der Schreiber seine Nie- derschrift selbst schon mit dem Original, aus dem er abschrieb, genau verglichen. Aber auch später ist sie noch kollationiert und ergänzt worden, wie sich aus der Verschieden- heit von Tinte und Schrift bei den Zusätzen erschließen läßt. Entstehung: Völlig eindeutig ließ sich die Frage der Datierung nicht lösen. Schon Kopp (ä 336) führte gewichtige Gründe aus Schrift und Sprache für die Entstehung im 8. Jahrhundert an, verschwieg aber die Momente nicht, die auf das 9. Jahrhundert zu deuten schienen. Sickel (Sitzungsber.), der den Codex Cassellanus selbst eingesehen hatte, trug nach der Schrift kein Bedenken, den Codex in die 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts zu setzen, während man die vorhandenen Nachträge allerdings dem 9. Jahrhundert zuweisen mußte. Schmitz (Beitr. S. 183) berichtigte diesen Zusatz dahin, daß diese Zeitbestimmung nicht für alle glossarischen Ergänzungen gelten könne, da diese von verschiedenen Händen herrührten, unter denen auch die erste Schreiberhand beteiligt sei, im übrigen aber erkannte er Sickels Ansicht als ein gewichtiges paläographisches Urteil an. Das hat ihn aber nicht gehindert, in seiner Ausgabe der Commentarii 1893 Seite 5 neben den Cassellanus „saec. IX." zu setzen. Rueß ließ die Sache unentschieden, wie früh der Codex anzusetzen sei, dagegen betonte Weinberger, ähnlich wie früher schon Zangemeister, daß er ihn als zum 9. Jahr- hundert gehörig betrachte, ohne freilich diese Ansicht im Einzelnen zu begründen. Geschichte und philologische Bedeutung. Schon F. Chr. Schmincke stellte 1767 in seinem „Versuch" (S. 208 f.) fest, daß die Kasseler Tironis Notae weit vollständiger seien als die, welche Gruterus (1603) herausgegeben habe. Ihre volle Bedeutung aber wurde erst erkannt, als der ehemals im hessischen Staats- dienst tätige und aus Kassel gebürtige Ulrich Friedrich Kopp (1762-1834) sie bei seinen wichtigen paläographischen Privatstudien besonders berücksichtigte und als erster die Prinzipien ihrer Zusammensetzung abzuleiten versuchte. Dann hat Sickel bei seinen diplo- matischen Untersuchungen zur Karolingerzeit auch dieses eigenartige Denkmal spät- römischer Stenographie in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen. Eine eingehende Würdigung nach modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten erfuhr die Handschrift durch Wilh. Schmitz anläßlich der Vorbereitungen ihrer Herausgabe in den Commentarii. Da dieser autographierte Abdruck, wie sich herausstellte, nicht in allen Fällen eindeutig, ja in einigen sogar falsch und irreführend war, so veranstaltete Rueß mit Unterstützung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des deutschen Stenographenbundes Gabelsberger im Jahre 1914 seine Faksimile-Ausgabe, die photographisch zuverlässig die Handschrift wiedergab, allerdings an einer Stelle, wo die in das Pergament eingekratzten Wörter nicht mit Tinte nachgezogen waren, mußte auch die Photographie versagen. Die beiden oben genannten Lücken hat Rueß nach der Wolfenbüttler Handschrift des 9. Jahr- hunderts, die gegenüber den derben und kräftigen Schriftzügen des Kasseler Codex feiner und zierlicher geschrieben ist, zur besseren und abschließenden Orientierung ausgefüllt. Ein solches kostspieliges und umständliches Unternehmen ließ sich schon rechtfertigen, denn über den wissenschaftlichen Wert des Cassellanus besteht (nach Rueß) in der For- schung kein Zweifel. Die Handschrift ist „unstreitig die älteste und beste lexikalische Überlieferung der Tironischen N oten".