tragen und angelegt werden müßten". An deren Stelle wurde aber eine Roll-Treppe in Vor- schlag gebracht, die mit leichter Mühe zu bewegen und mit Armlehnen versehen sein sollte, sodaß sie ohne Gefahr gebraucht werden könnte; bei den Abmessungen des großen Saales -- er ist 77,30 m lang und 10,70 m breit - glaubte man die Verwendung solcher Un- getüme (eine solche Roll-Treppe sollte bei 12 Fuß Höhe eine untere Breite von 16 Fuß haben!) als unbedenklich und wirklich praktisch bezeichnen zu können. Hier hatte die Bauleitung das bessere Verständnis -- es blieb bei dem Einbau der Galerie, durch die des Saales Schönheit nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern im Gegenteil gehoben wird, und von Roll-Treppen war nicht mehr die Rede. Zur Raumgestaltung hat sich Schmincke nur noch einmal, im Mai 1776, also in einem schon recht vorgeschrittenen Zeitpunkt äußern können, offenbar auf Grund einer Reihe von Fragen, die ihm zur Beantwortung vorgelegt worden waren. Er verriet hier einige Vor- aussicht, wenn er trotz der Größe der vorgesehenen Räume auf eine Einschränkung der übergroßen Fensterzahl besonders nach dem Hofe hin drängte, um dadurch Wandflächen zur Aufstellung von Büchergestellen zu gewinnen, deren Muster er außerdem zu sehen be- gehrte. Und es entsprach durchaus den gegebenen Notwendigkeiten, wenn er neben den für die Aufstellung der Bücher bestimmten Sälen auch einige kleinere Räume forderte, einen zur Aufbewahrung der Handschriften, einen zweiten für die Handschriften und das sonstige Material zur hessischen Geschichte; außerdem bezeichnete er als notwendig je einen besonderen Raum für die Kupferstiche, für die geographischen Karten und mili- tärischen Pläne, für die Bücher, die -- wie Winckelmanns Hessische Chronik u. a. - von der Bibliothek aufbewahrt und vertrieben wurden, und schließlich auch ein Arbeitszimmer für die Bibliothekare, das gleichzeitig Katalogzimmer sein sollte. Ein Blick auf die tat- sächlich durchgeführte Raumgestaltung zeigt, daß er mit diesen Wünschen trotz ihrer mindestens teilweisen Berechtigung nicht durchgedrungen ist. Wiederholte genaue Berechnungen der Bändezahl, die in dem neuen Büchersaal würde untergebracht werden können, zeigten, daß für den Zuwachs von vielen Jahren Raum vorhanden war. Bei voller Ausnutzung des Saales, d. h. bei eingebauter Galerie und Bestellung der Fensternischen glaubte man rund 113000 Bände aufstellen zu können; der Verzicht auf die Fensternischen verminderte die Zahl auf 110 000, und beim Wegfallen auch der Galerie sollten immer noch 100 000 Bände Platz finden. „Da nun der gegen- wärtige Bücher-Vorrath sich bei weitem so hoch nicht erstreckt", war für viele Jahrzehnte Platz geschaffen, wenn auch die Erfahrung nachher gezeigt hat, daß der große Saal höch- stens V5 der errechneten Zahl zu fassen vermag. Um eine sichere Grundlage für die Be- stellung zu haben, wurde im Mai 1776 erneut eine Zählung vorgenommen, die 27165 Bände - dazu kamen 587 Handschriften und 1492 Dubletten - feststellte; die Bibliothek hatte sich also seit der letzten Zählung - Oktober 1752 -- verdoppelt. Die Vorarbeiten für den Umzug wurden in empfindlicher Weise gestört durch innere Zwistigkeiten, die mutwillig heraufbeschworen den ruhigen Fortgang der Bi- bliotheksarbeit aufs schwerste beeinträchtigten. Landgraf Friedrich II. hatte in seiner Vorliebe für französisches Wesen, in seinem Streben, französische Art und französisches Vorbild an seinem Hof möglichst nachzu- ahmen, eine ganze Reihe von Franzosen herangezogen und in wichtige Stellungen ge- bracht, die diesen Abenteurern gestatteten, einen starken Einfluß auszuüben. Die da- durch unter den bewährten Beamten des Landes ausgelöste tiefe Verstimmung ließ kein ersprießliches Zusammenarbeiten aufkommen und führte zu zahlreichen Konflikten, wenn es natürlich auch charakterlose Streber gab, die jedes eigene Empfinden zurückstellten und sich nur den Wünschen des Landesherrn gefügig zu zeigen bemüht waren. Diese Fran- 44