Buchbinder Meyer berichtet, der offenbar nicht sehr pünktlich war. Jedenfalls verlangt der Landgraf die Ablieferung des bestellten Buches noch vor Johannis, „oder wir wollen dir weder Heller noch Pfennig zum Macherlohn geben, und dir sonsten einen Possen spielen, daß du wissen sollst, unserer nicht mehr zu spotten." Der Briefwechsel Wilhelms mit Hotman bringt die erste Kunde von der förmlichen Begründung einer Bibliothek in Kassel, der die für die Martinskirche bezeugte Sammlung im Verein mit den zahlreichen Käufen Wilhelms als Grundlage gedient haben wird. Am 10.Juni 1580 schreibt Wilhelm an Hotman: „Ceterum, Clarissime D. Hotomane, cum hac praesenti aestate nova Cancellaria hic Cassellis constructa omnibus suis partibus, favente Deo, ab'solvetur; quam quidem inter cetera ornamenta pariter etiam eleganti omnium generum Librorum Bibliotheca, neque nostro judicio hoc nomine indigna, decorare jam incepimus." Es handelt sich um den Neubau der fürstlichen Kanzlei, den „Renthof", in dem vor allem die Regierung -- Verwaltung und Rechtsprechung -, daneben aber auch die Münze und die neubegründete Bibliothek untergebracht wurden, und der entgegen der Erwartung des Landgrafen erst am 20. November 1580 unter großen Feierlichkeiten einge- weiht werden konnte. Wenn auch in dem Bericht, den Johann Just YVinckelmann in seiner „Hessenlands-Beschreibung" (2. Teil, 10. Kapitel, 5.282) gibt, die Bibliothek nicht aus- drücklich genannt wird, so muß dieser Tag doch als ihr Gründungstag angesehen werden. Die vorstehende Mitteilung des Landgrafen an Hotman läßt keinen Zweifel darüber, daß er die Bibliothek als einen besonderen Teil seiner „nova Cancellaria" betrachtete; wäre sie nicht gleichzeitig mit dem Neubau ihrer Bestimmung - als fürstliche Bibliothek auch den Mitgliedern der Regierung zu dienen - übergeben worden, so würde Winkelmann das zweifellos ausdrücklich berichten. Wir haben keine Kunde davon, wie groß der Raum gewesen ist, in dem die Biblio- thek Aufstellung gefunden hat. Da aber die Bestände der niederhessischen Klöster, die den Grundstock der Bibliothek in der Martinskirche gebildet haben werden, zweifellos nicht sehr umfangreich waren, da auch die Ankäufe Landgraf Wilhelms sich rein zahlenmäßig in bescheidenen Grenzen hielten, wird sicherlich ein größerer Saal für ihre Aufnahme aus- gereicht haben. Für eine genaue Berechnung der Zahl der in ihr vereinigten Bände fehlt jede unmittelbare Unterlage. WVenn man aber erwägt, daß Konrad Matthäus in seiner Trauerrede auf Landgraf Philipp die Marburger Universitäts- und die Kasseler Martins- kirchen-Bibliothek ohne Einschränkung neben einander nennt, und wenn Zedler für die Marburger Bibliothek im Augenblick ihrer Begründung etwa 300 Bände annimmt, so wird die Kasseler Bibliothek im Jahre 1580 sicherlich nicht mehr als 500 Bände umfaßt haben -_ damit stimmt wohl überein, daß die Marburger Bibliothek 26 Jahre später nach dem ältesten, jetzt in der Universitätsbibliothek Gießen aufbewahrten Katalog noch nicht 650 Bände zählte. Wilhelm war sich wohl bewußt, daß die Begründung der Bibliothek nicht einen Abschluß, sondern nur einen Anfang bedeuten konnte - wir sehen ihn denn auch immer wieder um deren Vermehrung bemüht. Da er nicht über eine Druckerei verfügte - erst 1595 wurde in Kassel die erste Druckerei durch Wilhelm Wessel aus Bremen mit Unter- Stützung des Landgrafen Moritz begründet -, waren es immer wieder auswärtige Bezugs- quellen, die ihm aushelfen mußten. Dabei kam ihm seine Kenntnis der Bestände der Marburger Bibliothek zu statten, die seinem Drängen ihren ersten, nicht mehr erhaltenen Katalog verdankt. In diesem fand er eine Reihe von Werken, die nach seiner Meinung in Marburg wohl entbehrlich waren und eine willkommene Bereicherung seiner Kasseler Bibliothek darstellen mußten. Wollte er doch, wie er am 20. Januar an seinen Bruder Ludwig nach Marburg schrieb, „nicht allein die Authores, so man noch Im Druck findet,