Sowohl der Plafond als überhaupt die Innenausstattung scheint eine durchgreifende Veränderung er- fahren zu haben, als unter Kurfürst Friedrich Wilhelm ein Umbau notwendig geworden war, der die Rampe betraf. Diese reichte nämlich, indem sie das Orchester noch vor sich herschob, weit in den Zuschauerraum hinein. Die daraus sich ergebenden ungünstigen Bedingungen mögen sich besonders in der vom Kurfürsten mit Vorliebe aufgesuchten Proszeniumsloge störend bemerkbar gemacht haben, sodaß der Kurfürst die Rampe nach den Plänen des Architekten Engelhard 1 hinter das Proszenium verlegen ließ, wobei nicht nur dieses ver- .tieft und die kurfürstliche Loge durch einen Gang außen am Gebäude mit dem ersten Rang verbunden wurde, sondern auch die gesamte Innendekoration und auch die große Hofloge ' verändert worden zu sein scheint- Vielleicht brachte damals Adolf Northen die neun Musen am Plafond an, wofür einige noch vorhandene Zeichnungen 3 Anhaltspunkte geben. Aber weder die Decke noch die Ausstattung der Ränge war für die Raumstimmung so ausschlag- gebend, wie die große Fläche zwischen Zuschauerraum und Bühne, wie der Vorhang. Ganz besonders er war der allgemeinen Kritik ausgesetzt und wandelte sich daher auch je nach dem zeitlichen Stilempünden. Der älteste Vorhang besaß eine allegorische Malerei; sie stellte den Tempel der Musen dar, „in dessen Vordergrund Erato, Melpomene, Thalia und Terpsichore Hessens Schutzgöttin entgegen eilen".4 Unter dem Einfluß von Bromeis entstand wohl jener Vorhang, auf dessen glatter hellgrüner Fläche, die mit einer fünf Fuß hohen, reichen Goldborte und schweren Crepinen umsäumt war, das ebenfalls von diesem Künstler gern verwendete Motiv einer Lyra in entsprechender Größe innerhalb eines kreisrunden Lorbeerkranzes in Gold wiederholt worden war. lm Jahre 1827 wechselte wiederum der Vorhang. Er war nun in dunkelroter Farbe gehalten und von Beuther gemalt. „Er war mit breiter Goldborde am unteren Rande und einem viereckigen Gold- rahmen auf der Mittelfläche, mit sehr geschmackvollen Emblemen und großen antiken Theatermasken reich- verziert. lm Mittelpunkte des Rahmens erblickte man, von einem goldenen Lorbeerkranz umgeben, die un- vermeidliche goldene Lyra, das gemeinschaftliche Symbol der Dichtkunst und der Musik. Bei aller Schönheit der einzelnen Ornamente, konnte man sich doch niemals mit diesem Vorhange im Ganzen befreunden, weil der große Goldrahmen auf weicher Gardinenfläche einen nicht zu überwindenden Eindruck von Härte und Steifheit machte"? Schließlich machte die Übermalung des Theaters im Innern in den 50er Jahren des ver- flossenen Jahrhunderts abermals eine Erneuerung des Vorhanges notwendig. Den letzten größeren Umbau im lnnern erfuhr das Haus, das 1882 durch eine Tieferlegung des Orchesters sowie durch die Anbringung von Feuersicherheits-Vorrichtungen verbessert war}; im Jahre 1894. Von der lntendanz wurde diese umfassende bauliche Änderung als ein förmlicher Abschnitt in der Geschichte des Hauses aufgefaßt, was dadurch zum Ausdruck kam, daß als letzte Vorstellung vor den Ferien am 28. Mai ein dramatischer Rückblick auf die seit Bestehen des Hoftheatergebäudes auf der Bühne bestehenden Richtungen veranstaltet wurde." Für die Bewertung der alten Ausstattung seitens der Bürgerschaft spricht die in der Presse sich findende Äußerung, daß „die Wünsche des Publikums größtenteils auf die Beibehaltung der seit- herigen Ausschmückung gerichtet sind. Die Farben, in denen das Innere des Königlichen Theaters gehalten ist, Weiß mit Gold und Roth, machen einen so freundlichen Eindruck und sind für die Theaterbesucher ein so gewohnter Anblick geworden, daß eine Änderung in denselben sehr schmerzlich empfunden würde. Man betrachtet diese Farbenzusammenstellung gewissermaßen als etwas Erb- und Eigentümliches, von dem man auch fernerhin nicht ablassen möchte. Der gegenwärtig in Gebrauch befindliche weiß und rote Doppelvorhang, 1 Handzeichnungen Staatsarchiv Marburg. ' Altmüller, Theater S. 229. 9 Handzeichnungen Staatsarchiv Marburg. 4 Apell, Cassel 1792 S. 85. 5 Hess. Erinnerungen S. 100. Der Verfasser schreibt: „Den Vorhang im alten Theater zu Cassel vor 1821 kann ich mir nicht mehr vergegenwärtigen; ich kenne nur eine kleine Handskizze des damaligen Proszeniums bei offener Bühne, von Joh. Heinrich Tisch- bein sen. en gouache gemalt." ' Lynker, Theater S. 538. Hoebel, Hoftheater. 7 Bennecke, Hoftheater S. 186.