137 Flugsicherheit 1/94 „Ein bisschen Luftwaffenhistorie“ von Peter Sturz, Hauptmann d. D. Dies ist die wahre Geschichte eines VIP-Fluges in den 60er-Jahren. Das Ganze spielte sich im östlichen (!) norddeutschen Raum ab und begann recht harmlos. Der verantwortliche Luftfahrzeugführer (VLF) und ich sollten einen wirklich hochrangigen VIP zu einer Fernmeldeeinrichtung nahe der damaligen Zonengrenze fliegen. Mit einer Alouette II nahmen wir den als VIP nicht gerade beliebten General auf und folgten einer Straße südlich eines Mittelgebirges, um trotz der nicht gerade guten Wetterbedingungen auf jeden Fall unseren Ablaufpunkt für den Endanflug nicht zu verpassen. Wir mussten zum Teil zwischen Nebelbänken unseren Weg suchen, teils blieben wir über den Nebelfeldern, mit einem Wort: terrestrische Navigation war nicht immer möglich. Es kam, wie es kommen musste! Den Ablaufpunkt haben wir nie gesehen, und nachdem eine verflucht unruhige Zeit verstrichen war, versuchten wir, aufs Geratewohl und querfeldein den Landeplatz zu finden. Die Stimmung in unserem Hubschrauber schlug Wellen, der VIP wollte eine Karte haben, und so bestimmte der VLF, dass er aufgrund der Wichtigkeit des Auftrages die Navigation übernehmen werde und ich sollte die Steuerführung übernehmen – das hätte ich ja schließlich gelernt. Der vorgesehene Landeplatz lag nur einen Kilometer von der Zonengrenze entfernt, und jeder kann die Anspannung verstehen, mit der wir uns aus der Situation herauszulavieren versuchten. Die Zeit verstrich unerbittlich, und das trug bestimmt nicht zu unserer Beruhigung bei. Unser VIP hatte wichtige Akten für eine Konferenz von NATO-Generalen bei sich und sorgte auch nicht gerade für eine heitere Atmosphäre . . . Wir irrten nun nahezu planlos und fast entnervt in der Gegend herum, kannten unsere genaue Position nicht mehr und taten das, was man mit Hubschraubern in solchen Fällen eben tut: man holt sich eine „Fahrkarte“, indem man ganz nahe an einem Ortsschild vorbeischwebt, um den Namen zu entziffern und so die eigene Position wieder festzustellen. Solches taten wir und waren mehr als beunruhigt, da das Ortsschild WEISS war! Wir hatten uns also total verfranzt, hatten unseren VIP in die sowjetisch besetzte Zone geflogen und versuchten nun verzweifelt, den Ortsnamen auf den hin und her gedrehten Karten zu finden. Schließlich konnten wir das Nest auf der Karte bestimmen und unsere „Flucht“ in die Wege leiten. Also: go west! Mit unglaublich heißen Ohren, ob der verständnisvollen Kommentare unseres VIP und mit einer vorher nie gekannten, bedrohlichen Angst beschleunigte ich die brave Alouette auf Höchstgeschwindigkeit und flog so tief wie nie zuvor in Richtung Westen.