284 Das kulturelle Schaffen unserer Zeit Rundfunk Unter den verschiedensten Landschaftssendunyen, die der Reichssender Frankfurt bzw. der Sender Kassel, im Lauf der letzten Jahre durchgeführt hat, nahm die Hör ­ folge „Drum laßt uns wandern heut' am Weser ström!" (10.10) Zweifellos eine besondere Stellung ein. Wenn man früher oft auf die Ungunst der Sendezeit hinweisen mußte, so wurde hier bewiesen, daß es durchaus möglich ist, auch zu einer guten Abend ­ stunde eine solche landschaftliche Hörfolge Zu bringen. Zum andern war die großzügige Durchführung mit eigens dazu geschriebener Musik besonders geeignet, die Wir ­ kung des Ganzen zu erhöhen. Die Weser als Gchicksals- strom! Dieser Gedanke war das Leitmotiv der einstün- digen Sendung. Daß man sich in diesem Falle nicht dar ­ aus beschränkte, die Weserfahrt — wie meist üblich — in Hannoversch-Münden beginnen zu lassen, sondern aut die Werra als Hauptguellfluß der Weser Zurückgriff, machte es möglich, die schicksalhaften Verkettungen und. geschichtlichen Ereignisse der Vergangenheit in ihren ur ­ sächlichsten Zusammenhängen zu erfassen und zu gestal ­ ten. Bunt bewegt im Wechsel von ausmalender und unterstreichender Musik, chronistischer Darstellung, szeni ­ scher Illustration und landschaftlicher Gegenwartsbetrach ­ tung konnte der Hörer diese Wanderung am Weserstrom vom Quellgebiet bei Meiningen bis zu den stolzen To ­ ren der alten Hansestadt Bremen miterleben. — Führte diese Hörfolge in ein Gebiet, das mit seiner landschaft ­ lichen Schönheit und der Eigenart seines Volkstums über die Grenzen Kurhessens hinaus weit bekannt ist, so war es besonders erfreulich, in der Sendung „Wald und Friede — F r i e d e w a l d" (2.11.) von einem eben ­ so unbekannten wie reizvollsten Erdenwinkel Kurhessens zu hören: dem Seulingswald. Von den passionierten Wanderfreunden abgesehen, wird es wohl nur verhält ­ nismäßig wenig Kurhessen geben, die das Glück genossen haben, an einem Sommertag den Seulingswald zu durch ­ wandern und sich so seiner verborgenen Schönheiten be ­ wußt zu werden. Wir kennen das idyllische Fuldatal bis zur Hohen Nhön hinauf, wir lassen uns von der Roman ­ tik der Burgen am Werrafluß gefangen nehmen, aber jenes stille, einsame Waldgebiet, das als Bergbrücke Zwi ­ schen diesen beiden Flüssen liegt, erleben wir Zumeist nur in einem flüchtigen Blick über seine blau in der Ferne schimmernden Kuppen. Und insofern hat Ludwig Wer ­ ner, der Sänger des Seulingswaldes aus der Zeit um die Jahrhundertwende, nicht so unrecht, wenn er für diese seine stille und einsame Bergwelt den Namen „Verges ­ sene Ecke" prägte. Alles das, was diese „Vergessene Ecke" in dem Erlebnis des Fremden besonders eindrucks ­ voll lebendig zu erhalten vermag, hatte der Verfasser der Sendung, Heinrich K l a u s, in den Vordergrund gestellt: Historie und Volkstum. Neben den historischen Nückerinnerungen fesselte vor allem die aufschlußreiche Schilderung von Land und Leuten. Sinnvolle Sitten und Bräuche, die teils auf germanische Vorzeit zurückgehen, altüberlieferte Sagen, Märchen und Volkslieder wurden dem Hörer nahegebracht. Und die lustigen Schnurren aus der Sammlung Dr. Werners bewiesen, daß diese „Hinter ­ wäldler" keineswegs verdrießliche und mißmutige Men ­ schen sind, daß sie im Gegenteil über köstlichen Humor und schlagfertigen Witz verfügen. Und nichts konnte We ­ sen und Charakter dieser Menschen besser verdeutlichen als die Worte der Hörfolge: „Uber allem, über Froh ­ sinn und beschaulichem Ernst, steht die Liebe zur Heimat. Das Dorf, die Flur, der Wald ist für diese Menschen alles. In der Heimat ist ihnen nichts fremd, da ist alles lebendig- das Tote und Starre liegt draußen irgendwo in der Welt." — Unter dem Titel „Ich habe ge - bauet nach meinem Sinn" brachte der Kasseler Sender am 30. 10. eine volkskundliche Hörfolge nach einem Manuskript von H. Stelljes - Marburg. Der Verfasser hat das reiche Material, das dieser Sendung zugrunde liegt, im Auftrag des Museumsverbandes für Kurhessen und Waldeck auf Grund eigener Studien und Untersuchungen zusammengestellt. Es ist zu begrüßen, wenn heute, wo unser schöner hessischer Fachwerkbau wie ­ der zu einer besonderen und verdienten Achtung gelangt, gleichfalls mit ihm ein altes hessisches Brauchtum der Gegenwart nahegebracht wird, das in den Hausinschrif ­ ten und Tünchsprüchen der verschiedensten Jahrhunderte ein mannigfaltiges Bild der hessischen Lebenskultur ver ­ mittelt. Hausinschriften studieren ist nicht nur für den Wissenschaftler, sondern für den Heimatfreund schlechthin aus gelegentlichen Wanderungen durch unsere Dörfer und Kleinstädte ein schönes und aufschlußreiches Beginnen. Wer erst einmal erkennt, wie bunt und mannigfaltig diese Inschriften sind, sowohl in der äußeren Gestaltung wie in ihrer Sinngebung, der blättert in einem Buch, das ein Heimatbuch im besten Sinne ist. Zu dieser Erkennt ­ nis sollte die Hörfolge verhelfen und dürfte auch in wei ­ ten Kreisen ein verdientes Echo gefunden haben. Maria C l a r. Ñus Rassel Theater und Ausstellungen Später als sonst begann in diesem Halbjahr das Staatslheater seine Spielzeit, da wichtige Bühnenarbei- ten vorgenommen werden mußten. Es ist erreicht, daß jetzt die Bühne in einem viel größeren Maße zur Ver ­ fügung steht und größere Szenen mit stärkeren Auf ­ geboten wirkungsvoller als vordem zur Geltung kommen können. Mit der Neueinstudierung der Meister ­ singer wurde die Spielzeit eröffnet, und diese Auf ­ führung, die Karl Eggert inszeniert hatte und der auch das Spiel leitete, die Richard Kotz als Kapellmeister betreute, bildete einen Erfolg, der Zunächst die guten