Baum-Frömmigkeit. Ein Mensch germanisch-deutscher Art ist schwerlich vorstellbar ohne Liebe zum Wald, der ihm Lebensbedürfnis ist, und ohne tiefe Verehrung zu den herrlichen Gottesschöpfungen unserer Bäume. Welch ein Wunderwerk ist ein gesunder, gut entwickelter Baum, schon in seiner winterlichen Kahlheit, die gerade sein Wachstum besonders deutlich enthüllt.' Ist nicht jeder Baum ein Aus ­ bruch der Erde, in welcher er mit seinen tausend Wurzelsträngen so unlösbar haftet, ein einziges beseeltes Streben hinauf und hinan zum Licht, in die Luft, die ihm beide Nahrung und Lebens- antrieb find? Wie ist der Erdgeborene und Erd ­ gebundene so eifrig bemüht, einen möglichst großen Luft- und Lichtraum für fich zu erobern und die unzähligen atmenden, kochenden Werkstätten seiner Blätter darin auszubreiten.' Ich sehe förmlich Charaktere fich ausprägen, schon in der Winter- gestalt des Baumes. Der eine streckt fich steil und straff, als wolle er der Erde möglichst rasch ent ­ fliehen und fich schier bis an den Himmel recken, mit schlanken, gleichlaufenden Ästen, ohne seitliche Verzweigung und Ausbreitung, gewachsene Gotik; der andere greift fast gierig um sich mit weit aus ­ ladenden Armen, die keine Grenze anerkennen wollen; der dritte formt ein ruhevoll in fich selbst geschlossenes, harmonisch abgerundetes Ganzes, und was das leere Gerüst verrät, das erfüllt die volle Belaubung nur mit stärkerer Eindringlich ­ keit. Wie verschieden zeichnet sich etwa das Ast ­ werk der Roßkastanie und der Linde in den hellen Himmel.' Hier ein entzückend zartes, gebrochenes Filigranwerk, dort derbe und kräftige schwarze Umrisse wie in der Bleiverglasung eines Kirchen- fensterö.' Es ist wie ein Gebet, unter der Krone eines Bau ­ mes auf dem Rücken zu liegen und durch sein Geäst und Laub hinauf ins Licht zu blicken. Es ist Erquickung, an der Quelle, am Brunnen un ­ ter Lindenwipfeln zu fühlen, wie der Baum die milde Feuchte aus der Tiefe hinaufsaugt und uns zum frischen Trunk Kühle des Schattens oben ­ drein spendet. Es ist Labsal fürs Auge, Bäume und Banmgrnppen an mancherlei Orten, auf ra ­ genden Kuppen wie in weltverlorenen Winkeln, in eintöniger Ebene wie am bewegten Wasser träumerisch ruhen oder windgepeitscht wanken zu sehen. Wir find in Hessen reich an solch ausge ­ prägten Gruppen, die oft noch von geschichtlicher Bedeutung umwittert find, wie das Kattenloh bei Von Martin Otto Johannes. Niederhone, am Gesegneten Born bei Albungen, die Mordhütte beim Zweiburgenblick an der Werra, um einige aus meiner Nachbarschaft zu nennen. Und was wäre menschliches Bauen ohne An- und Hineinwachsen der Bäume in Mauern und Dächer? Das Dorf, die Kleinstadt lugt aus dem Kranze blühender Obstbäume hervor, und aus schroffen Giebeln und roten Dächern heben fich geballte ^Wipfel, bald angeschmiegt, bald beschir ­ mend. Kann man fich eine alte Stadtmauer den ­ ken ohne Stämme, die neben ihr aufschießen, und ohne Laubkronen, die über sie hereinhangen? Die große Stadt, so naturfern sie ist, hat doch nicht ohne Schmuck und Segen der Bäume blei ­ ben mögen. Kümmerlich ringen Baumreihen, den Fuß in Pflaster und Asphalt gebettet, in ruß- und säurerreicher Luft um ihr bißchen Leben zwischen den Häusermauern enger Straßenschluchten. Stolzer und freier schon öffnen sich breite Alleen, und die Höhe städtischen Baumdaseins erfüllt sich im höfischen, gesellschaftsfähigen Kunstwalde des Parks, in dem sich Baukunst und Baumwuchs vereinigen und durchdringen. So unvergleichlich schön ein Park sein kann, — Wer würde Wilhelmshöhe je vergessen, der seinen Gebirgshang durchstreifte? — uns lockt doch mehr der schlichte, freie Wald. Lange war er in schwe ­ rer Gefahr, unser deutscher Wuld, entwürdigt und vevhäßlicht in einem öden Zeitalter des blo ­ ßen Rechnens zu einer Baumschule und Holz ­ fabrik. Aber wie unverwüstlich blieb selbst unter diesem Zwange das ewig-lebendige Wachstum.' Selbst in der Einerleiheit des rotstämmigen, lichten Föhrenwaldes, im schlank aufragenden, düsteren Fichtenbestande, in den von stlbergrauen Säulen getragenen Hallen des Buchendomes entdecken wir noch Reize über Reize. Zum Glück aber ist die Forstwirtschaft, durch Schaden belehrt, zur mehr natürlichen Pflege des Mischbestandes zu ­ rückgekehrt, der wieder getreuere Bilder des deut ­ schen Urwaldes heraufbeschwört. Gott sei Dank, daß sich hier Natürlichkeit, Schönheit und Wirt ­ schaftlichkeit auf gleicher Ebene finden. Wer des Waldes bedarf, ist in Kurhessen glücklich dran; aber wie würde er in mancher an ­ deren Gegend Deutschlands darben müssen! Die fruchtbarsten Landstriche sind leider mitunter die landschaftlich ödesten, und der Mangel an Wald scheint fich auch in den Menschen auszuprägen, die uns dort härter, nüchterner, berechnender vor ­ kommen. In solcher Umgebung ist dann schon ein