23 Ein Zivilprozeß des Klosters Kappel gegen Treysaer Bürger. Von Dr. jur. E w o l d t , Landsberg a. d. W. Bei der Untersuchung der Tätigkeit der archi- diakonalen Officiale (geistliche Richter i. Instanz) in Hessen fanden sich sechs interessante Urkunden aus der Zeit kurz vor der Reformation, die hinein ­ leuchten in den Kampf der weltlichen Gerichte ge ­ gen die geistlichen. Nach dem Schiedsspruch Diet ­ rich von 2 )senburgs (1424) zwischen dem Land ­ grafen von Hessen und dem Erzbischof von Mainz sollte die Geistlichkeit in der Propstei Fritzlar ihre Zinszahler, nach dem Ausbleiben der Zinsen, mah ­ nen dürfen. Geschähe die Bezahlung dann nicht binnen 14 Tagen, so dürften sie ihre Zinsen und Einkünfte geistlich (durch den geistlichen Richter oder einen für den besonderen Fall beauftragten Geistlichen) einfordern. Am 15. November i499 befiehlt in einer Ur ­ kunde des Klosters Kappel (Spießkappel) Wigand Goßwin, der Dekan des Kollegiatstiftes zu Fritzlar, als Richter und Erhalter des Klosters Kappel, daß Henne Merren von Treysa nach Fritzlar geladen werden solle. Am 27. November desselben Jahres hat der päpstliche Beauftragte, Wigand Goßwin, Dekan des St. Peteröstiftes zu Fritzlar, den Pfarrern in Treysa, Erxdorf, Nassenerfurth, Wasenberg, Hundshausen, Dorheim, Gombeth und Großen Englis befohlen, die im Schreiben angegebenen Per ­ sonen zur Bezahlung der dem Mönchskloster Kappel schuldig gebliebenen Zinsen anzuhalten. Einer Urkunde vom 27. Marz 1501 zu Folge ist der Treysaer Bürger Henne Merren vom Richter in Fritzlar durch geistlichen Rechtöspruch znr Zahlung verurteilt worden und legt bei der höchsten geistlichen Instanz, beim Papste, Berufung ein, um zunächst für ein Jahr die Rechtskraft des Urteils und die drohende Excommunication hinaus zu schieben. Für die Berufung an eine höhere In ­ stanz mußte aber der Verurteilte von seinem geist lichen Richter einen Apostel erbitten, ein den zn übersendenden Akten beigefügtes Entlassungsschrei ­ ben. Der Wortlaut dieses Berufungsschreibens, welches von einem öffentlichen Nuotar verfaßt ist, der noch in demselben Jahre als Bürgermeister von Treysa erwähnt wird, ist folgender: Im Namen Gottes. Amen. Im Jahre seiner Menschwerdung 1501, in der IV Indictio der Amtszeit und im 9. Jahre unseres, in Christo, Vaters und Herrn, Herrn Alexander VI, von Gottes Gnaden Papstes, am 27. März in der dritten Stunde (etwa 8 —9 Uhr) in der zur Mainzer Diöcsse gehörenden Stadt Treysa. In meinem, des unterschriebenen öffentlichen Notars Wohnhause und in Gegenwart der unten ge ­ nannten Zeugen und des persönlich bestellten, be ­ glaubigten Anwalts des ehrsamen Mannes Henne Merren erscheint der Bürger von Treysa mit einem Papierstreifen in der Hand, der die unten verzeichnete Berufung enthält, er hinterlegte dort die Berufung und ließ sie mit lauter, vernehm ­ licher und volltönender Stimme verlesen, legte nach Form und Inhalt des Berufungsschreibens Beru ­ fung ein und verlangte die Aposteln (Entlassungs ­ schreiben des bisherigen Richters). Er tat das Übrige, wie es im TOortlaut dieser Berufung Wort für TLort steht. Und so stand er vor Euch, Herr Richter. Ich als beglaubigter Anwalt des Henne Merren, Bürgers zu Treysa, behaupte, als Vertreter des Beklagten, in der Absicht Beru ­ fung einzulegen, und erkläre, daß Ihr in dem Pro ­ zeß, welcher zwischen dem ehrwürdigen Vater, dem Abt des Klosters in Kappel, als Kläger, einerseits und Henne Murren, als Angeklagten, über den Streitgegenstand — Schuld — auf der anderen Seite, im Gericht vor Euch geführt wurde, das Endurteil gegen mich und für meinen Gegner ge ­ fällt habt. Ich lehne Euer angebliches Urteil, wenn es den Namen eines Urteils verdient, als un ­ gerecht ab, weil es meinem Gegner zu Gute ge ­ kommen ist. Deshalb lege ich gegen dieses angeb ­ liche Urteil als unbillig und ungerecht, unbeschadet seiner Nichtigkeit, in diesem Schreiben Berufung ein an den apostolischen Stuhl und den heiligen Vater in Christo unsern Herrn, den Herrn Alexander, von Gottes Gnaden VI. Papst, und bitte, zum ersten, zweiten und dritten Mal, mir mit der dringenden Bitte um Rechtsschutz Aposteln zu geben. Ich vertraue genannten Beklagten Henne der Gunst und dem Schutz unseres ge ­ nannten heiligen Herrn und seines heiligen Stuhls an. Ich erkläre, daß ich die Berufung verbessern, ändern, erneuern, etwas einfügen und ausführen will gegen dieses Urteil, wie es mir gut scheint, so ­ weit es recht und üblich sein wird und ist, sowohl gegen Alles als auch Einzelnes. Der oben erwähnte Anwalt hat mich, öffent ­ lichen Notar, inständig gebeten ihm ein oder mehrere öffentliche Schriftstücke anzufertigen. Dies ist verhandelt im Jahr, in der Indiction, am Monatstag, zur Stunde und am Ort, wie oben erwähnt, in Gegenwart der sehr geehrten Männer, Henne Fischer, Henne Kanngießer, die besonders geladen und gebeten waren.