161 HeHenlanH Zeitschrift für Landes- und Volkskunde,SejchichteLunstundSchriftlumSeffens Herausgegeben mit dem Arbeitsring für hessische Heimatforschung an der Universität Marburg von Or. C. H itz er o t h Enthaltend zugleich die „Mitteilungen" des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. 46. Salirgang. Sekt » 112 Marburg, November/Dezember 1835. Stand und Aufgaben der Wüstungsforfchung. Das Verdienst, die Wüstungen gewissermaßen für die Wissenschaft entdeckt zu haben, kommt dem hessischen Archivar Georg Landau zu. Seine im Jahre 1858 herausgegebene „Historisch-topo ­ graphische Beschreibung der wüsten Ortschaften im Kurfürstentum Hessen" 1 ) ist die erste systematische Sammlung von Nachrichten über ausgegangene Siedlungen, von deren einstiger Existenz nur ur ­ kundliche Ouellen und der Volksmund Zeugnis geben. Nach Landaus Vorbild entstanden ähn ­ liche Wüstungöverzeichnisse für viele andere deut ­ sche Gebiete und Landschaften. Sie ergaben die eigenartige Tatsache, daß ganz allgemein die heu ­ tige Dichte der Siedlungen wesentlich geringer ist als im Hochmittelalter am Ende der Landaus- banperiode der deutschen Jnnenkolonisation 2 ). Die weitere Feststellung, daß eine große Anzahl von GiedlungSnamen, die die Urkunden des Mittel- alters nennen, zu Beginn der Neuzeit in den Ortsregistern des 16. Jahrhunderts nicht mehr aufgeführt find, zeigte das gehäufte Auftreten von Wüstungen in dem vom beginnenden 13. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts begrenzten Zeitab ­ schnitt. Wenn auch einzelne Siedlungen zu allen Zeiten wieder verschwunden sind, so rückte aber durch diese Tatsachen das „Wüstungsphänomen des ausgehenden Mittelalters" in den Mittel ­ punkt der wissenschaftlichen Diskussion. Die Literatur über diesen Gegenstand ist zahl- ^ 1) Ztschr. d. Ver. f. Hess. Gesch. und Landeskunde, Suppl. VII. Kassel 1858. 2) Vgl. S ch a r l a u , K. Grundzüge der Sied ­ lungsgeschichte und Siedlungsgeographie (in: Heimat und Arbeit, 1934, Heft 4), Äbb. 4 und 5: Das mit ­ telalterliche und heutige Siedlungsbild des Knüllge- bicteg. Von Kurt Scharlau. reich und für den Einzelnen kaum noch übersehbar, da sie in vielen Einzuarbeiten sowohl über die Fach ­ literatur wie über die heimatkundliche Literatur im iveitesten Sinn verstreut ist. Dabei nehmen rein stoffliche Sammlungen deö Tatsachenrnaterialö und ausführliche Einzeldarstellungen den größten Raum ein, während dagegen Arbeiten, die diese Einzel ­ forschungen für größere Gebiete zusammenfassen, an Zahl weitaus geringer sind und methodische Zielsetzungen fast ganz zurücktreten. Hieraus er ­ klärt stch, daß die Bearbeitung des Tatsachen- inaterials nicht einheitlich nach gleichen Gesichts ­ punkten erfolgt ist. Daß diese Notwendigkeit jedoch besteht, wird seit langem anerkannt, ohne daß steh aber bis heute eine einmütige Auffassung durch ­ gesetzt hätte. Es ist in weiten Kreisen der heimat ­ lichen Forschung wenig bekannt, daß bereits der Begriff Wüstung hinsichtlich feiner Begriffs- nmgrenzung und seines Begriffsinhaltes eine An ­ zahl von Fragen in sich schließt, über die zunächst gesprochen werden soll. Die in der Literatur fast ausschließlich ver ­ tretene Ansicht versteht unter Wüstung die Stelle einer ehemals vorhandenen und später von ihren Bewohnern verlassenen Siedlung. Genau genom ­ men meint man aber nur den ehemaligen Wohn- platz einer Siedlung; Landau spricht auch folge ­ richtig noch von „wüsten Ortschaften". In glei ­ cher Weise wie man aber den Begriff „Sied ­ lung", unter dem man die Einheit von Wohn- platz und Wirtschaftsfläche zu verstehen hat, nicht immer eindeutig anwendet und meist nur mit dem Wirtschaftözentrum, der Wohnstätte der die Flur bestellenden Bauern, gleichsetzt, ist nun die Be ­ zeichnung „Wüstung" auf solche „Siedlungen" be-