80 Der Runen^und von TMllmgshausen. Von Dr. Wilhelm Schoos. (Nach ungevruckten Briefen.) In einem Aufsaß „Über Duellen und Hilfs ­ mittel der hessischen Geschichte", welchen der Hi ­ storiker Christoph von Rommel 1837 im ersten Band der Zeitschrift des Vereins für hes ­ sische Geschichte und Landeskunde (S. 77 ff.) ver ­ öffentlicht hat *), berichtet er an der Hand der von ihm feit 20 Jahren unternommenen Ausgrabun ­ gen über die wichtigste, die in den Jahren 1817 und 1618 in Willingshausen in der Schwalm durch den Rittmeister von Schwertzell stattgefunden hatte: „Die wichtigste Entdeckung versprachen anfangs mehrere mit dem verstorbenen Rittmeister von Schwertzell zu Willingshausen in der Schwalm, ohneweit Wasenberg, in einem Buchen- und Eichenwald aufgedeckte Todenhügel, welche außer größeren und kleineren Urnen (mit Asche und seinen Knochen) etwa sechs bis sieben unter unzähligen viereckigen Pflastersteinen dicht aneinander gereihte Sandsteine enthielten, sämtlich aus einer Seite mit Zoll tiefen rohen Charak ­ teren bezeichnet, nicht durch Linien abgesondert, wie in der Grafschaft Mark, noch den markomanni- schen in Böhmen gefundenen, noch den siandina- vischen Runen, wohl aber den in Sibirien von Pallas und nach ihm von Spasky in den Riesen- gräbern und an Felsenwänden entdeckten Stein ­ charakteren ähnlich." Diesem Bericht liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Auf dem der Familie von Schwertzell in Willingshausen gehörigen Gute lagen auf einer Anhöhe, der Jettenberg genannt, mitten in einem Eichwald sechs bis sieben vorgeschichtliche Grabhügel von verschiedener Größe in geringer Entfernung voneinander. Der größte war früher, wie man im Volksmund erzählte, mit einem Steinkranz umgeben, aber die Steine waren da ­ mals vor etwa 60 Jahren abgefahren und zum Straßenbau verwandt worden. Im Herbst 1817 ließ Rittmeister von Schwertzell diesen Hügel von Westen und Osten durchgraben; es fanden stch bei der Durch ­ suchung zwei aus Sandsteinen bestehende parallel laufende Mauern, und in der Mätte kamen drei übereinander stehende Urnen von verschiedener Größe zum Vorschein. Sie waren mit Asche, gebrannten Knochen und eingedrungener Erde ge ­ füllt, aus schwarzgrauem Ton gebrannt und ohne Verzierung. Beigaben wie Bronzeringe oder 1) Vgl. auch Möbius: „Geschichte und Aufgaben der Vorgeschichtsforschung im ehemaligen Kurhessen" („Hes- senland"" 1931, Heft g, S. 259). Fibeln wurden nicht darin gefunden. Im Herbst 1818 ließ Herr von Schwertzell abermals Nach ­ grabungen veranstalten. Nr an stieß dabei auf eine gemauerte Grundlage und brach sie heraus, lln- ter den herausgehobenen Steinen war einer, wel ­ cher eingehauene Zeichen zu enthalten schien. Bei näherem Zusehen fanden sich noch vier kleinere Steine mit ähnlichen Zeichen. Die Oberfläche, auf welcher sich die Zeichen befanden, war nicht besonders zugerichtet und geebnet. Die erste Nachricht über diesen Fund stammt von Professor Rommel in Marburg, später Hofarchivdirektor und Bibliotheksdirektor in Kas ­ sel, um dessentwillen die Brüder Grimm 1629 sich zurückgesetzt fühlten und die hessische Heimat verließen. Obwohl auf Rommels Vorschlag und Bemühungen hin 1619 die Brüder Grimm zu Ehrendoktoren der philosophischen Fakultät in Marburg ernannt worden waren, war ihr Ver ­ hältnis zu ihm nicht das beste. Schon am 4- Sep ­ tember 1810 schreibt Wilhelm auö Marburg an seinen Bruder Jakob: „Der Rommel geht nach Rußland, ich denke in halber Verzweiflung, da er hier auch alle Achtung verloren hat und schon längst kein Collegium mehr zu Stand hat brin ­ gen können". Und am 22. Januar i6i6 schreibt er im Zusammenhang mit dem Runenfund in Willingshausen an Pfarrer Bang in Goßfel ­ den: „Die Runen, die in Willingshausen entdeckt worden sind, scheinen mir (nach der Zeichnung) zufälliges Gekritzel; an Runen wenigstens ist gar nicht zu denken. Über Herrn Rommels Ent ­ deckungen verwundere ich mich gar nicht mehr, es gibt kaum etwas, das er nicht finden wird. Er kam einmal hier auf die Bibliothek und sprach von römischen Gefäßen, die er soeben beim Schloß ­ bau bemerkt (denn er will Cassel durchaus von Castellum herleiten), indessen fand sich nachher, daß es hiesige Töpferarbeit aus vorigem Jahrhun ­ dert war, welche beim Schöpfen in den Brunnen gefallen war". Professor Rommel hatte in den „Göttingischen Gelehrten Anzeigen" vom 6. Sep ­ tember 1918 über die in Willingshausen gefunde ­ nen Runen berichtet: „Die Steine sind nur auf der einen Seite beschrieben; die Charaktere sind offenbar eingehauen; nicht etwa Spiel der Natur. Mit den sonst so genannten Runen haben sie nur eine sehr entfernte, zum Teil gar keine Ähnlich ­ keit. Sie gleichen fast alle kleinen Baumreisern (surculis), die durcheinander geworfen sind: und stehen nicht in geraden Reihen. Man kann sie daher nicht für alphabetische Schrift halten".